26. November Christkönig

Tatsächlich, lieber Herr Jesus, so möchte man fragen? Tatsächlich in all diesen von Dir beschriebenen Menschen begegnest Du mir?

 

Im süßen Säugling aus dem Nachbarhaus kann ich mir das ja noch vorstellen, auch in der lieben Freundin, dem Ehepartner, der vorbildlich sich einsetzenden Ärztin, dem großartigen Lehrer meiner Kinder- ja, das kann ich mir vorstellen. Denn Du warst doch selbst vorbildlich, Du warst die Güte und Liebe in Person. Dann möchte ich gerne glauben, dass Du mir in Personen, die ähnlich waren oder sind wie Du begegnest. Kein Problem.

Aber das war es auch schon.

 

Wie kommst Du auf die Idee, dass Du mich aus dem verbitterten Gesicht des Alten ansiehst, der nichts besseres zu tun hat als über jeden und alles zu meckern?

Oder aus den verschlagenen Augen der Roma, die mich jedes Mal, wenn ich in den Carrefour gehe, um ein paar Euro anbettelt?

Oder gar auch noch aus einem der Gefangenen, die die Terrorattacken in Paris oder bei uns in Brüssel geplant und mit vorbereitet haben?

Es fehlt noch, dass Du uns predigst, dass Du uns auch aus dem brutalen und menschenverachtenden Gesicht eines Wladimir Putin oder eines ähnlichen Verbrechers anschaust.

 

So oder ähnlich möchte man doch Jesus fragen, wenn man dazu die Gelegenheit hätte.

Was soll das?

Es gibt doch das Schlechte, gar das Böse in der Welt- und auch darin soll ich nach dem Göttlichen suchen?

Ich befürchte, Jesus würde darauf mit Ja antworten.

Nicht, weil er das Böse oder das Schlechte in der Welt ignoriert- nein, das sicher nicht. Er wird uns ja beschrieben als jemand, der sogar vom Teufel selbst versucht wurde.

Und spätestens auf seinem Weg zum Kreuz, zum Ende hat er selbst in Augen blicken müssen, aus denen ihm Hass, Zorn und Wut entgegenblickten, statt Barmherzigkeit und Liebe.

Nein, Jesus wird das nicht von uns verlangt haben, weil er das Böse oder das Schlechte in der Welt ignoriert, sondern weil er es damit überwinden will.

 

Das Menschenbild Jesu geht davon aus, dass jeder Mensch als Gottes Geschöpf in diese Welt gekommen ist, ein unbeschriebenes, weißes Blatt, unschuldig und unverdorben. Erst das Leben und die Erfahrungen, die ein Mensch machte oder machen musste, formten ihn zu einem Heiligen oder zu einem Verbrecher. Die Unschuld und der göttliche Ursprung eines jeden Menschen mögen durch die Lebensringe, die sich wie bei einer Zwiebel um jeden von uns legen, überlagert oder völlig vergraben erscheinen, aber sie sind vorhanden- so muss man Jesus und seine heutige Erzählung wohl verstehen.

 

Es regt sich Widerstand in vielen von uns, auch in mir, wenn man das zu Ende denkt. In einer Welt, in der jede Untat, jedes noch so schreckliche Verbrechen schon beim Frühstück auf meinem Bildschirm auftaucht, in der die Terrortaten der Hamas auch an Kleinkindern detailgenau betrachtet werden können, Bombenopfer aus Gaza, aus der Ukraine, Opfer von Messerattacken in Frankreich die Wut gegen die Verursacher in uns aufkommen lassen, da kommt es einem fast unmöglich vor, in deren hasserfüllten Fratzen, das Antlitz des milden, nächstenliebenden Jesus Christus erkennen zu sollen.

Im Kranken, im Leidenden, im Obdachlosen ja- irgendwie schon, aber doch nicht im Gefangenen. Der sitzt ja nicht ohne Grund im Kerker, nicht im von Wut und Hass geprägten Verbrecher. Es gibt eine Grenze.

 

Und wie so oft, muss man erkennen, dass Gottes Maßstäbe nicht unsere sind, dass wir allzu gerne unsere eigenen Maßstäbe auf Gott übertragen und wir damit Gott zum Abbild des Menschen machen und damit die umgekehrte Aussage der Bibel, dass der Mensch ein Abbild Gottes ist, konterkarieren.

 

Gottes Maßstäbe sind nicht die unsrigen. Gott sei Dank- kann man da nur sagen.

Wie sonst sollte sich sonst etwas verändern können?

Ließen wir unseren Emotionen freien Lauf, dann gingen wir uns früher oder später doch alle gegenseitig an die Kehle- zumindest denen, deren Taten uns so aufbringen, dass wir in ihnen nur noch das Böse sehen und ihnen keine Umkehr, kein Bedauern und keine Reue mehr zubilligen wollen oder können.

 

Matthäus zeigt hier im 25. Kapitel seines Evangeliums einen Weg auf, wie humanes Miteinander gelingen könnte, wenn ich versuchen würde in jedem Menschen Jesu Antlitz zu entdecken.

 

Die Welt könnte eine andere sein, wenn ich jedem in der täglichen Begegnung durch die Brille von Mt. 25 anschauen würde. Wir müssen ja gar nicht bei den schwierigsten Fällen beginnen. Es fängt doch schon mit den kleinen Gehässigkeiten des Alltags an, mit den Einteilungen in „der gehört zu uns- der nicht“, mit den Kategorisierungen unserer Gesellschaft, mit den Nasen, die ich auch in diesem Gottesdienstraum mag oder nicht.

Es geht nicht darum, jeden gleich zu lieben- das ist offenbar unmöglich, das geht nicht. Einem Gott, von dem man glaubt, dass er alle aus Liebe geschaffen hat, mag das möglich sein, nicht uns.

Aber was Jesus offenbar für möglich hält, ist im anderen mehr zu sehen als das, was ich vor der Hand wahrnehme. Hinter der Fassade des Geschöpfes, den Schöpfer zu entdecken. Hinter dem verbitterten Gesicht des Alten das Gesicht des Schöpfers, hinter der verschlagenen Bettlerin das Gesicht des Schöpfers, hinter dem nervenden Banknachbarn das Gesicht des Schöpfers. Sie können die Reihe unendlich fortsetzen.

Es würde helfen, bei jeder Beurteilung oder gar Verurteilung eines jedem, der mir im Alltag begegnet, einen Moment vorzuschalten, in dem ich mir Mt. 25 in Erinnerung rufe: Der da- Geschöpf Gottes. Die da, dahinter steht Jesu Antlitz.

 

Dem, dem Gott etwas bedeutet- das ist bei diesem Ansatz natürlich Voraussetzung- eröffnet sich damit ein Weg des Respektes voreinander, ein Weg, immer nach der Ursache zu suchen, warum jemand geworden ist, wie er ist, ein Weg der Milde, des Erbarmens, des Verständnisses füreinander.

 

Niemand sagt, dass das leicht ist. Es fällt uns leichter, uns unseren Emotionen hinzugeben, aber das verschließt viel zu oft, viel zu viele Wege.

 

Noch etwas ganz anderes finde ich in diesem Evangelium bemerkenswert.

Wie oft werden Sie sich die Frage gestellt haben, wie kann ich Gott finden.

Nun, Mt. 25 hat eine einfache Antwort darauf: Im anderen.

Im kranken, im gefangenen, im nackten und im hungrigen Menschen schaut uns das Antlitz Jesu an. All das, was wir einem von diesen Menschen tun, tun wir Jesus. Und was wir unterlassen, unterlassen wir an Jesus. So steht es dort.

 

In nahezu allen Religionen dieser Welt ist der Aspekt der Geschwisterlichkeit ein ganz wichtiger. Religion hat auch den Zweck, eine Gemeinschaft zusammenzubringen. Sie funktioniert einfach besser, wenn Menschen sich umeinander sorgen und Verantwortung füreinander übernehmen.

In allen Religionen erfüllt der Gläubige damit den Willen Gottes.

 

Im Christentum wird aber noch einmal durch den heutigen Aspekt aus Mt. 25 etwas oben draufgesetzt: Der Dienst am Nächsten ist nicht nur ein Dienst am Menschen, sondern ein Dienst an Gott. Der Dienst am Menschen ist nicht nur ein Begegnungsort von Mensch und Mensch, sondern einer von Gott und Mensch.

Und so hat sich in jeder christlichen Gemeinde oder Gemeinschaft auch ein Dienst am Nächsten entwickeln können. Diese Dienste können sehr unterschiedlich sein, von reiner Caritas über Nachbarschaftshilfe in einer Kirchengemeinde bis zum Dienst des Gebetes eines christlichen Einsiedlers. Christus hat seinen Anhängern nicht die spirituelle nach innen gerichtete Gottsuche ins Stammbuch geschrieben, sondern eine Gottsuche, die diesen über den Dienst am anderen findet. Ein Glaube, der sich nur um das eigene spirituelle Wachstum dreht, ist in diesem Sinne eher kein christlicher Glaube. Er wird es nur, wenn der Nächste mit ihm Blick bleibt, ob im Handeln, im Denken oder im Gebet- es geht immer um das Wir, nicht um das Ich.

Jesus glaubte daran, dass jeder Mensch in den Händen Gottes wieder zu dem wird als was er von Gott gedacht war: ein ihm und dem Nächsten zugewandtes Geschöpf.

Machen wir es ihm nach und geben im Angesicht des Bösen in unserer Zeit und Welt nicht auf. Wir dürfen sicher sein, damit den Weg Jesu zu gehen.