Predigt zum 29. Sonntag im Jahreskreis, 18. 10. 2020

Eigentlich gibt es im gerade gehörten Evangelium keinen klaren Hinweis darauf. Aber ich stelle mir Jesus hier ziemlich genervt vor. Schon wieder die Pharisäer. Was haben sie denn jetzt wieder? Sollen sie mich doch in Ruhe lassen.

Wie gesagt, es steht da nicht ausdrücklich, aber diese Vorstellung entbehrt auch nicht jeder Grundlage.

 

Widerstand erfuhr Jesus von einigen Seiten, vor allem aber von denen, deren Positionen durch seine Andersartigkeit, durch seine freie, neue  Interpretation des alten jüdischen Gesetzes in Gefahr zu sein schien. Die Pharisäer- und auch die Schriftgelehrten, die ja fast immer mit diesen in einem Atemzug genannt werden- waren ja nicht per se schlechte Menschen.

Im Gegenteil.

Sie sind Gelehrte, die sich das jüdisch-religiöse Gesetz zur Grundlage des Lebens gemacht haben, es in- und auswendig kennen und von vielen Israeliten als Weise und als Vorbilder verehrt wurden. Die kannten sich aus. Denen konnte man kein X für ein U vormachen. Sie wussten was die Grundlage des Zusammenhaltes der jüdischen Gemeinschaft war: Die Einhaltung der religiösen Vorschriften, gerade in so unsicheren Zeiten, in denen die fragile Gesellschaft, die durch die römische Besetzung und durch das Eindringen der griechischen Philosophie und römischen Lebens- und Glaubensweise gefährdet war. Jemand, der dann auch noch  aus den eigenen Reihen das Gesetz Mose in Frage stellt, macht sich in solchen Kreisen nicht beliebt.

 

Vor zwei Wochen verstarb ein Kollege von mir, mit dem zusammen ich geweiht worden bin. Troubadour Gottes nennen sie ihn heute verehrend im Rückblick. Dabei ist er den kirchlichen Autoritäten um den damaligen Erzbischof ganz schön auf die Nerven gegangen: Immer bunt gekleidet, vom einfachen Leben predigend, mit einem Glöckchen an seinen Turnschuhen- Sneakers wie man wohl heute sagen würde- stellte er die weihrauchgeschwängerten, bischöfliche Ringe küssenden, sich gerne zum gesellschaftlichen Etablissement  zählenden, mit römischen Priesterkragen in schwarz gekleideten Kollegen ziemlich in Frage. Allein wegen des Glöckchens wurde er einige Male zum Erzbischof geladen, der ihm verordnen wollte, sich als Priester doch bitte angemessen zu kleiden.

Das tropfte an ihm ab. Er ließ sich nicht beirren. Er machte einfach weiter so, spielte an jeder Ecke Gitarre, brachte vor allem die Jugendlichen dazu, sich für den Glauben zu begeistern, machte, wenn überhaupt mit seinem alten Auto Urlaub in Spanien, übernachtete unter dem Sternenhimmel und strahlte immer und in jeder Situation innere Ruhe und Gelassenheit aus- bis zur Provokation.

Das hat ihm keine kirchliche Traumkarriere eingebracht, sondern er war die längste Zeit seines priesterlichen Lebens in der Behindertenseelsorge tätig. Glauben Sie mir, da hat mancher Kollege mitleidig lächelnd auf ihn herabgeschaut.

 

So einer war Jesus.

Da kamen sie also wieder, nannten ihn auch noch Meister, eine Bezeichnung, die die Evangelisten immer nur in den Mund der Pharisäer legen, und wollen ihm eine Frage stellen.

Die schon wieder.

Von ferne sieht Jesus ihnen schon an, dass sie ihm eine Falle stellen wollen.

Wenn er etwas gegen die Römer sagt, dann ist er geliefert, dann können sie ihn anschwärzen und die Gefahr wäre beseitigt. Also, so kommen sie angeschleimt:  Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst
und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person.
Sag uns also: Was meinst du? Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?

 

Das hättet Ihr Pharisäer wohl gerne, wenn ich Euch jetzt die Antwort gebe, die Ihr hören wollt. Wenn Jesus geantwortet hätte, dass man Steuern zahlen muss, wäre er der Verräter der jüdischen Sache gewesen, hätte er zum Steuerstreik tendiert, hätte er die Römer gegen sich aufgebracht. Eine Zwickmühle.

Also bittet er sie – vermutlich ein wenig genervt: Kommt, gebt mir mal eine Münze: Wen seht Ihr darauf? Den Kaiser. Wem gehört die Münze also? Richtig. Dem Kaiser. Also gebt ihm, was ihm gehört.

Aber Ihr, Ihr Menschen, Ihr Pharisäer, Ihr Schriftgelehrten, Ihr alle, die Ihr gerade zuhört, als Menschen gehört Ihr Gott. Gebt ihm, was ihm gehört.

 

Er sagt es nicht so, aber, wenn Ihr Gottes Geschöpfe seid, dann ist, wie bei der Münze als Geschöpf des Kaisers das Bild des Kaisers geprägt, bei Euch und auf  Euch das Bild Gottes geprägt. Ihr gehört IHM. Also gebt ihm, was ihm gehört, gebt Euch IHM.

 

Es ist für Jesus keine legalistische Frage, keine in diesem Sinne weltliche, es ist eine existentielle, eine geistliche. Für ihn gehört der Mensch, jeder Mensch zu Gott, das Leben eines jeden Menschen gehört Gott. Dieser hat ihn geschaffen und in die Welt gesetzt, alleine um ihn dort wieder zu finden und zu ihm zurückzukehren, freiwillig sich Gott wieder zuwendend. Die Welt ist Kulisse für dieses Wiederentdecken Gottes, nicht wirklich von Bedeutung. Wenn man dort Steuern zahlen muss, dann tut das eben. Entscheidend ist, dass Ihr in der Welt lebt, in der Welt Gott sucht, findet und bezeugt und nicht VON der Welt lebt. Als Schauspieler auf der Bühne der Welt folgt Ihr während des Schauspiels Eures Lebens den Gesetzen der Welt, vorausgesetzt sie widersprechen nicht den elementaren göttlichen Gesetzen der Liebe, des Lebens und der Barmherzigkeit. Ansonsten nicht wichtig: Wenn der Kaiser seine Münzen haben will, soll er sie haben, Eure Seelen, Euer Wesen, das, was Ihr in Wahrheit seid, bekommt er damit nicht.

Gebt Gott, was Gott gehört:

Euer Denken, Euer Fühlen, Eure Existenz, Euer Leben. Das alles gehört Gott, weil er es erschaffen hat. Das gehört ihm automatisch. Jesu Aufforderung, Gott zu geben, was diesem gehört, ist eine Aufforderung dazu, genau das eben nicht zu vergessen, nicht zu vernachlässigen und dementsprechend zu handeln.

 

In diesen Zeiten, in denen wir gerade leben, ist mir noch einmal tiefer deutlicher geworden, was der alte kirchliche Schlager, Gehet nicht auf in den Sorgen dieser Welt so schön und simpel ausdrückt: Gehet nicht auf in der Welt, nicht in ihren Freuden und nicht in ihren Sorgen. Bestaunt sie, bewundert die Schönheit der Schöpfung, die Einzigartigkeit eines jeden Wesens, ob Mensch, Tier oder Pflanze, aber gehet nicht auf in diesen. Und genauso wenig gehet nicht auf in den Sorgen dieser Welt. Natürlich belasten sie uns, diese Sorgen, natürlich müssen wir unser Leben hier organisieren, selbstverständlich machen wir uns Gedanken darüber, wie die nächsten Wochen und Monate verlaufen werden. Sicher gibt es Grund genug, sich zu überlegen, was das Ganze wohl für die Zukunft unserer Welt bedeuten wird. Macht Euch Gedanken, ja, aber geht nicht auf darin!

Gebt der Welt, was der Welt gehört, aber Gott, was Gott gehört. Zum letzteren gehört auch das Vertrauen, dass das, was wir in der Welt erleben, manchmal wunderbar und manchmal schrecklich, eben zur Welt gehört, die wir erleben  und durchleben, aber dass wir mit unserer ganzen Existenz zu etwas Größerem gehören, das alles umfasst und aus dem wir nie, aber auch wirklich nie herausfallen können.

Wenn Jesus von den Pharisäern genervt war, dann war er das, weil er über ihre Engstirnigkeit verzweifelt war, nicht sehen wollten oder konnten, dass sie sich mit Fragen beschäftigten, die in Wahrheit von geringerer Bedeutung waren und darüber den eigentlichen Grund und die eigentliche Grundlage ihres Lebens vergaßen.

Tun wir es ihnen nicht nach, lernen wir von ihnen und geben Gott, was Gott gehört: unser Vertrauen, unsere Hoffnungen, unser Leben, unsere Existenz.