Weihnachten

Ich wünschte ja, ich könnte die Welt da draußen für die Zeit, die wir hier in der Kirche miteinander verbringen, außen vorlassen.

Ich wünschte ja, wir könnten einfach nur die schönen Lieder singen, die hübsche Geschichte vom süßen Baby in der Krippe hören, uns ein frohes Fest wünschen und trunken vom seligen Weihnachtsfest die Tage in Frieden, Wohlergehen und gegenseitiger Zugeneigtheit verbringen.

 

Aber das wird wohl nichts.

Zum einen bringen wir alle unsere Welt mit hinein: Gedanken, Eindrücke und Erfahrungen lassen sich eben nicht abstellen und ausradieren. Wir sind ja keine Maschinen, deren Festplatten sich schnell mal löschen lassen, sondern lebende Wesen mit Bewusstsein, das sie an jeden Ort mit hinnehmen.

Und zum anderen wäre das süße Eintauchen in eine vorübergehend vermeintliche Garten-Eden-hafte Welt doch nur wie ein kurzer Drogentrip, nach dem die Wirklichkeit im Anschluss nur noch düsterer wirkt.

Und zum anderen wäre der Inhalt dieses Festes völlig missverstanden, würden wir das Fest zur Weltflucht nutzen.

Denn, was wir hier feiern ist ja keine Flucht eines Säuglings hinein in eine süße Welt, sondern eigentlich das genaue Gegenteil: Wenn es überhaupt eine Flucht ist, dann in die Gegenrichtung: Gott flieht dem Himmel und geht in die Welt. Er lässt den Himmel hinter sich und setzt sich der Welt aus.

Das ist das wahnsinnige Gedankenkonstrukt, das wir an Weihnachten feiern.

Der Kleine da in der Krippe, umhegt von seiner Familie, besucht von Hirten und Weisen ist eben nicht dazu da, uns eine harmonische Welt vorzugaukeln, sondern ein Ausrufezeichen Gottes, ein Hinweis des Himmels.

 

Aber fangen wir mal ganz woanders an. Wozu sind wir in der Welt?

Wozu sind Sie DA, wo Sie sind?

Wieso stehe ich hier heute?

Warum können wir atmen, Nahrung zu uns nehmen, über Liebe und Hass, über Sinn und Unsinn nachdenken?

Warum können wir uns lieben, aber auch verachten?

Wieso geht es uns hier materiell immer noch so gut? Warum wissen Menschen in anderen Weltregionen gerade nicht einmal, wie sie sich und ihre Familien ernähren sollen, sicher durch den Tag und die Nacht kommen sollen, Bomben und Verfolgung entgehen können?

Warum wissen wir überhaupt, dass wir sind?

Wieso wissen wir genauso, dass wir eines Tages nicht mehr sein werden?

 

Unser naturwissenschaftlich geprägtes Zeitalter hat darauf keine Antwort, keine zufriedenstellende jedenfalls.

Die Antworten sind notwendigerweise auf das Materielle beschränkt, denn Materie ist das, was wissenschaftlich untersucht und nachgewiesen werden kann.

So haben wir es beeindruckend weit gebracht.

Wir wissen um das Alter unseres Universums, wir stehen staunend vor den riesigen Zahlen mit den vielen Nullen, die uns die Größe und Ausmaße der Welt näherbringen wollen. Und am anderen Ende sind wir tief in den Mikrokosmos eingetaucht, haben sogar die vermeintlich Unzerteilbaren, die A-tome untersuchen können, um festzustellen, dass es unterhalb dieser Ebene weitere Teilchen gibt.

Und dennoch haben wir die Welt im Gesamt noch nicht verstanden. Die Quantenphysik und ihre Verzweigungen bringen uns an die Grenzen, weil plötzlich im Kleinsten der Zufall regiert und nicht mehr die  bisher erkannten Naturgesetzen mit ihren berechenbaren aufeinanderfolgenden Ereignissen.

Auch das Bewusstsein entzieht sich bisher jeder klaren Erklärung. Wir vermuten mit großer Sicherheit, dass es im Gehirn entsteht, aber wissen es nicht. Es ist auch nicht kopierbar, nicht speicherbar, noch nicht einmal so zu beschreiben, dass wir alle sicher voneinander wissen, was wir genau meinen, wenn wir unsere Erfahrungen beschreiben. Das, was ich jetzt sehe und empfinde, können Sie sich nur in Ihrem eigenen Bewusstsein vorstellen, aber ob es dem entspricht, was ich tatsächlich wahrnehme und empfinde, können Sie nicht wissen. Umgekehrt natürlich genauso.

Alles Wissen, das wir gesammelt haben, kann uns dennoch nicht die Welt erklären.

Halten wir deswegen am Glauben fest? Suchen wir aus diesem Grunde nach Antworten in einem Bereich, der dem Wissen unzugänglich bleibt?

Ist das rein Materielle eben doch zu wenig, um uns zu erklären, uns zu verstehen?

Zumindest müssen wir feststellen, dass die Reduzierung des Menschen auf das Materielle unseren Bedürfnissen nicht ausreichend gerecht wird. Das hat der Materialismus des gelebten Kommunismus gezeigt und das zeigt der Materialismus des gelebten Kapitalismus genauso. Zunehmend wird sichtbar, wohin uns diese Ausrichtung der Welt und unseres Zusammenlebens bringt oder schon gebracht hat. An die Grenzen: an die Grenzen unserer Ressourcen z.B., an die Grenzen des friedlichen Zusammenlebens, aber eben auch an die Grenzen der Erkenntnis.

Vielleicht müssen in Zukunft, Wissenschaft und Spiritualität wieder gemeinsam gedacht werden, als sich gegenseitig bedingende Sphären der einen Welt. Heute leben sie nebeneinander, bestenfalls lassen sie sich gegenseitig in Ruhe, schlimmstenfalls bekämpfen sie sich gegenseitig.

 

Nun, alle spirituellen Spielarten, die sich in den Religionen dieser Welt widerspiegeln, sind sich einig, dass wir mehr sind als Materie. Sie sind sich darin einig, dass der Zweck unseres Daseins ist, das Übermaterielle zu entdecken. Sie sind sich einig darin, dass wir göttlichen Ursprungs sind, dass das, was uns beseelt, das, was uns zum Menschen macht, nicht nur ein biologisches Produkt ist, das wir Körper nennen, sondern dass darin etwas steckt, was die Verbindung zum Göttlichen herstellt, Seele nennen wir das.

Wir sind in der Welt, getrennt vom Ursprung, vom Göttlichen, von der Liebe- so jedenfalls nennt die Bibel den Göttlichen- um das Göttliche wiederzuentdecken.

 

Gott bleibt ohne eigene Erfahrung unfassbar wie es ist, den materiellen Gesetzen ausgesetzt zu sein. Wir leben in der Welt mit der Illusion des Getrenntseins vom Göttlichen. Und das weckt in uns die Sehnsucht zurück nach der Einheit allen Lebens, aller Liebe, allem Göttlichen.

Alle Religionen sind sich einig darin, dass die Welt nicht das Eigentliche ist, wir viel mehr sind als zweidimensionale Wesen, die auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse ausgerichtet sind. Die ganze Welt der Werbung, die sich neu entfaltenden Möglichkeiten durch die künstliche, sogenannte Intelligenz, bedienen immer nur das Materielle, so sehr, dass manche schon von der Übernahme des Menschen durch die Maschinen sprechen und uns manche Tech-Diktatoren des Silicon Valleys zu von der Technik optimierte Mischwesen machen wollen, dabei aber immer noch nicht verstanden haben, dass wir mehr sind als Materie.

Es führt nur dazu, dass wir immer mehr vergessen, was wir eigentlich sind: Wesen aus zwei Welten, mit einem Körper, der den materiellen und physikalischen Gesetzen der Welt unterworfen ist und einem Kern, der unsterblicher und untrennbarer Teil des Göttlichen ist.

Und wenn das für jeden Menschen gilt, ja für alles Lebende, dann sind wir miteinander nicht nur über unsere Gene verbunden, sondern vor allem über unseren göttlichen Ursprung. Wenn wir Alle Teil des Göttlichen sind, dann sind wir untrennbar miteinander verbunden, unser Schicksal wird zum Schicksal aller. Wenn es einem schlecht geht, hat das Auswirkungen auf alle, wenn es einem gut geht, dann wirkt sich das auch auf die anderen aus.

Der Materialismus will uns weißmachen, dass es uns dann am besten geht, wenn wir für uns selbst sorgen und dabei die anderen ausstechen. Die Spiritualität erinnert uns daran, dass wir alle miteinander verbunden sind und wir nur GEMEINSAM weiterkommen und nicht getrennt.

 

Und jetzt kommt endlich Weihnachten ins Spiel. Diese Nacht ist eine geweihte, eine heilige, weil sie uns ein Heilmittel an die Hand gibt, die Welt zu heilen. Gott überwindet die Trennung zwischen Göttlichem und Materiellem, indem er selbst Materie wird. Gott wird Mensch ist der Fingerzeig Gottes, der Hinweis des Himmels darauf, dass wir diesen Gegensatz überwinden können. „Frieden auf Erden den Menschen seiner Gnade“- singen die Engel, diese Fingerzeige des Göttlichen in der Welt.

Frieden, wenn Ihr Euch dem Göttlichen öffnet, Frieden, wenn Ihr Euch auf das Vorbild dieses Säuglings einlasst, Frieden, wenn Ihr ihm nachfolgt.

Das Verständnis über diese Welt, das Verständnis darüber, wer wir als Menschen sind, ja, die ganze Welt wäre anders, wenn wir uns dieser Sichtweise öffnen könnten.

Wenn ich im anderen und in mir das Göttliche erkenne, kann ich ihn, den anderen, nicht mehr als Konkurrenten sehen, den es auszustechen gilt;

wenn ich im anderen und in mir das Göttliche sehe, dann wird der andere zur Schwester, zum Bruder;

wenn ich im anderen und in mir das Göttliche sehe, ja in allem Lebenden, dann steigt der Respekt dem anderen, ja allem Lebenden gegenüber ins Verbindende, nicht ins Gegensätzliche;

 

Weihnachten ist ein Weckruf Gottes, der sagt: ICH BIN DA. Ihr seid nicht alleine, Ihr seid nicht nur biologisches Produkt, Ihr seid so viel mehr. Entdeckt es wieder.

Er ruft uns zu: ich werde Mensch, damit Ihr Euren göttlichen Kern nicht vergesst. Ich will Euch erreichen, in Euch geboren werden.

Dann könnt Ihr Euch aus der Materie, aus dem Materiellen erheben und zu Eurer eigentlichen Größe erwachen und erwachsen.

 

Weihnachten erinnert mich, erinnert uns an die eigentliche Bestimmung des Menschen zum Entdecken des Göttlichen in mir und im anderen.

Und wer das für sich verstanden hat, findet den von den Engeln verkündeten Frieden- und will ihn weitergeben.

Dann gehen wir in die Welt hinaus, die anderen daran zu erinnern, was sie eigentlich sind: Geschöpfe zweier Welten, im innersten mit allem verbunden, was lebt, wissend, dass alles, was ich dem anderen tue, mir selber tue, im Schlechten, wie im Guten.

Weihnachten gibt uns einen Maßstab an die Hand, wie alles Lebende zu behandeln ist.

Es ist leicht in diesen Zeiten das Menschliche zu vergessen, wo das Unmenschliche so dominant zu werden droht.

Vergessen Sie aber nicht, dass wir nicht wehrlos sind: Unser Maßstab ist und bleibt der menschgewordene Gottessohn, dessen Botschaft nach wie vor Orientierung gibt, wie wir denken, sprechen und handeln sollen.

Die Welt wird heil, wenn der Heiland in mir und in Dir immer wieder neu geboren wird.