Pfingsten

Diese Predigt wurde sowohl in der Vorabendmesse in St. Paulus als auch im Ök. Gottesdienst in Emmaus gehalten

 

Das ist doch mal eine Ansage:

Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; sagt Jesus und
denen ihr sie behaltet, sind sie behalten;
ergänzt er dann auch noch.

 

Ich hör sie schon- die neuerdings so gerne ihre christlichen Wurzeln betonen, diejenigen, die so gerne klare Regeln haben, in denen unterschieden wird nach vermeintlich gut und vermeintlich schlecht.

Sünde auch benennen als das, was es ist. Und dann auch Strafen folgen lassen.

Endlich mal Klarheit- vorbei mit dem Wischiwaschi aus „Gott vergibt eh alles“ und „Jesus hat alle lieb“.

Denn hier sagt es doch Jesus sogar selbst: Denen IHR die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen- und denen, den ihr sie nicht erlasst, denen sind sie eben nicht erlassen.

 

Was für eine Macht in unseren selbstgerechten Händen, was für Power in den Händen der Selbstgewissen, derer, die doch immer auf der richtigen Seite stehen.

 

Das hören diese zwar nicht gerne, aber mit einem einzigen Satz muss man ihnen entgegentreten: Ihr habt nichts verstanden. Garnichts.

 

Denn -wie so oft- aus dem berühmten Kontext gerissen.

Jesus sagt das ja nicht im luftleeren Raum, aus heiterem Himmel, ohne Vorbedingung, jedem, der meint, er sei damit gemeint.

 

Aber mal langsam und von vorne- wortwörtlich, denn davor steht:

Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

 

Eine weitere unglaubliche Zusage Jesu seinen Jüngern gegenüber: Mich hat der Vater gesandt- mit einem bestimmten Auftrag; und ich, so sagt Jesus dann weiter, sende Euch genauso aus. Wie der Vater- Gott selbst also- mich, so ich Euch. In einer Reihe, keine Abstufung, kein geringerer Auftrag; denselben.

Wie kann das sein?

Wie ist das möglich?

Wie können wir als diejenigen, die sich als seine Jüngerinnen und Jünger verstehen denselben Auftrag bekommen wie Jesus von seinem Vater?

Und was ist denn überhaupt dieser Auftrag? Warum hat Gott Jesus gesandt?

Hören wir mal, was Paulus dazu sagt- und zwar im 5. Kapitel des 2. Briefs an die Korinther:
Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er ihnen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet hat.

Wir sind also Gesandte an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!

Zentraler aber komplizierter Satz: Gott hat in Christus die Welt mit sich versöhnt. Ich versuche ihn mal zu interpretieren:

Aus der Sicht Gottes hatten die Menschen vergessen wer und vor allem wie er war. Sie waren so mit sich beschäftigt, dass sie übersehen hatten, dass sie Gottes Geschöpfe waren, im Sumpf der Welt hatten sie den Himmel vergessen.

In Jesus schickte er sich selbst, glich das Wissen der Menschen über Gott mit sich ab, versöhnte beide miteinander. In Jesus gab Gott den Menschen ein Gesicht von sich selbst. Wer Jesus kennt, kennt Gott.

Letzte Woche habe ich es in St. Paulus so formuliert: Alles, was wir von Jesus wissen, dürfen wir –in der Konsequenz- von Gott sagen.

Und weiter:

Hat Jesus sich für irgendetwas gerächt? Nein, also ist auch Gott kein Rächer.

Musste irgendjemand Angst vor Jesus haben? Nein, also muss auch niemand Angst vor Gott haben.

War Jesus die Liebe, die Güte und die Barmherzigkeit in Person? Ja, also ist auch Gott die Liebe, die Güte und die Barmherzigkeit.

Hat Jesus jemals einen Menschen aufgegeben? Nein, also gibt auch Gott keinen Menschen auf!

 

Das ist unser Auftrag: Die Menschen zu erinnern, wie Gott ist. Sie mit ihm wieder zusammenzubringen, sie mit ihm zu versöhnen.

Nicht, weil er das braucht, nicht weil Gott nicht ohne die Zuneigung, die Liebe der Menschen existieren könnte, sondern, weil wir nicht ohne ihn existieren können. SEINE Liebe, SEINE Barmherzigkeit, SEINE Gerechtigkeit versöhnen uns nicht nur mit ihm, sondern vor allem UNTEREINANDER. SO überwinden wir die Spaltung, die Gegensätze, das Gegeneinander, das gerade in unseren Zeiten so augenfällig ist, dass wir darüber sogar wieder in Kriege verfallen.

 

Was das Ganze mit Pfingsten zu tun hat?

 

Nun, der wichtigste Teil des heute gehörten Evangeliums fehlt noch: Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!

Erst der Auftrag mit dem wir in die Welt gesandt werden, dann das Mittel dazu: Der Heilige Geist.

Der Geist Jesu, der Geist Gottes also ist es, aus dem heraus wir denken, reden und handeln sollen.

Aus ihm heraus dürfen wir Vergebung erteilen oder verweigern.

Aber noch einmal:

Hat Jesus sich für irgendetwas gerächt? Nein.

Musste irgendjemand Angst vor Jesus haben? Nein.

Hat Jesus jemals einen Menschen aufgegeben? Nein.

Jesus hat nie Vergebung verweigert.

Es gab und es gibt nur eine einzige Bedingung für Vergebung- das ist die Reue. Ehrliche Vergebung kann nur dann stattfinden, wenn derjenige, der Vergebung erlangen möchte, das Getane bereut, es ihm leidtut.

Der barmherzige Vater steht immer mit geöffneten Armen da, wenn der verlorene Sohn- und natürlich auch die verlorene Tochter- umkehrt, einsieht, dass der begangene Weg falsch war. Zerknirscht und reumütig, eher Versöhnung erhoffend als erwartend, richtet ihn der Vater auf und feiert ein Fest.

 

DAS wiederum heißt, dass der Schlüssel zur Versöhnung, zur Überwindung des Grabens zwischen Gott und mir immer im Menschen liegt: MIR muss die Selbstbezogenheit, die Egozentrik, die Gottvergessenheit leidtun, dann steht Gott mit offenen Armen da- dann ist der Graben überwunden. Gott ist immer bereit.

 

Und nur so, und wirklich nur so ist der Satz zu verstehen: Wem Ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem nicht, dem nicht.

Wenn Ihr wirklich Jesu Jünger seid, dann vergebt ihr immer, dann steht euer Haus für jeden Verlorenen offen. Außer: Der Verlorene selbst will es nicht, lehnt es ab, bereut nichts. Dann bindet sich Gott selbst die Hände und damit auch unsere. Dann könnt Ihr nicht vergeben. Dann behält der andere seine Sünden, seine Gottferne und erhält von sich aus die Trennung zwischen Gott und Mensch aufrecht.

 

Das klingt alles möglicherweise sehr theoretisch. Aber jede Theorie hat Folgen für die Praxis.

Unsere Theorien über Gott haben Folgen für die Praxis, für den Alltag.

Es ist ein Unterschied, ob ich den Menschen als Gottes Geschöpf sehe oder als reines, materielles Produkt der Biologie.

Es ist ein Unterschied, ob ich glauben kann, dass wir durch Gott alle miteinander auf einer tieferen Ebene miteinander verbunden sind oder ob wir uns als nur sich selbst verantwortliche Individuen ansehen.

Es ist ein Unterschied, ob wir immer wieder neu vergeben können oder den anderen mit Rache und Vergeltung belegen und verfolgen.

Unterschiede, die im Umgang miteinander messbar sind.

 

Und an diesem Umgang miteinander lässt sich der Hl. Geist erkennen.

Das ist doch immer die große Frage: Wie merke ich etwas vom Hl. Geist?

Eigentlich ganz einfach: Überall dort, wo Menschen mit sich und mit anderen im Geiste Jesu umgehen, da weht der Hl. Geist.

Und auf unseren heutigen Kernsatz bezogen: Überall, wo Menschen mit Vergebung aufeinander reagieren, da herrscht der Hl. Geist.

 

Was könnten wir Christen Brückenbauer sein, Pontifexe also, wenn wir es ins Lateinische übersetzen.

Was könnten wir bewirken, wenn wir die Gräben  zwischen uns immer wieder zuschütteten als nur die Unterschiede zu betonen.

Was könnten wir alles für diese Welt erreichen, wenn wir nicht so einfach dem Geist des Spalters nachgeben würden, der uns einredet, dass wir in Gut und Böse, in Sünder und Nichtsünder, in Richtig und Falsch zu separieren haben, sondern dem Hl. Geist Jesu Raum gäben, der die Gegensätze nicht einfach wegbügelt, sondern etwas als Heilmittel anbietet: Vergebung, die wir uns immer wieder zusagen dürfen, ja müssen, wenn wir den Auftrag Jesu ernstnehmen.