Ostern 5. April
Als ich zur Vorbereitung auf diesen Ostergottesdienst durch alte Manuskripte blätterte, fiel mir bei dem Lesen der Fürbitten aus dem vergangenen Jahr auf, dass ich diese in diesem Jahr genauso wieder nutzen könnte: Da hieß es in einer z.B. Die Botschaft des Ostertages ist eine Botschaft des Friedens.
Wir beten für die Menschen, deren Leben von Krieg, Gewalt und Angst geprägt ist;
Merkwürdig: man kann leicht zu dem Gedanken kommen, dass sich alles im Kreis dreht, sich alles wiederholt. Manchmal muss man nur den Namen eines Landes austauschen: was vor einigen Jahren der Kongo oder Myanmar war ist nun die Ukraine und Iran; oder wo vor ein paar Jahren für die Opfer der Buschfeuer in Australien gebetet wurde, kann man diese Woche über 100 Hochwassertote in Ostafrika einsetzen Und um die 100 Jahre nach den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts fabulieren heute wieder Menschen in Zusammenhang mit dem Krieg im Nahen Osten über neue Weltenbrände.
Wiederholt sich die Geschichte immer wieder?
Haben die östlichen Philosophien recht, die die Geschichte als einen endlosen Kreislauf von sich in immer neuen Variationen wiederholenden Zirkeln sieht?
Gibt es kein Entrinnen aus dieser Endlosschleife?
Nun, das jüdisch-christliche Weltbild jedenfalls sieht die Geschichte anders. Für unsere Kultur hat sie irgendwo sinnvoll begonnen und wird mit einem Ziel genauso sinnvoll irgendwann enden. Wir glauben, dass Gott die Welt als seine Schöpfung in Gang gesetzt hat und dass er sie irgendwann zum Ziel führen wird, ohne ständige Wiederholung, sondern mit Anfang und Ende.
Die Frage ist, ob es dafür Anzeichen gibt. Denn der Eindruck ist doch nicht von der Hand zu weisen, dass bestimmte Ereignisse immer wiederkehren, zwar im neuen Gewand aber mit altem Kern. Immer wieder Katastrophen, immer wieder Kriege, immer wieder soziales Elend, der Aufstieg von Imperien und nach einer gewissen Zeit deren Abstieg; immer wieder der Kreislauf von Geburt und Tod, von Frühling und Herbst, von kalt und warm. Dinge, die sich als Gegensätze anziehen und abstoßen, ohne ihr Gegenteil aber nicht existieren würden.
Auch die Geschichte, die wir eben gehört haben, die vom leeren Grab und den Zeugen der Auferstehung Jesu scheint eine Wiederholung zu sein. Jedes Jahr feiern wir es, beginnen mit dem Palmsonntag, begeben uns in das Dunkel des Gründonnerstags, das Leid des Karfreitags und das Licht der Osternacht. Wiederholung Jahr für Jahr.
Aber bei genauerem Hinsehen wiederholen wir ja nur die Erinnerung, wir wiederholen nicht das Ereignis selbst. Wir holen es wieder- aus der Vergangenheit, aber wir wiederholen es nicht. Das Ereignis selbst bleibt etwas Einmaliges. So einmalig, dass es Maria Magdalena und die andere Maria- so wurde sie bezeichnet- die dem heutigen Evangelium nach zum Grab rannten, zunächst nicht glauben konnten, dann aber zutiefst davon überzeugt waren, dass ihr geliebter Jesus wieder lebte, so einmalig, dass daraus eine Gemeinschaft wurde, die heute nach 2000 Jahren nach wie vor die größte religiöse Gemeinschaft der Erde ist.
Einmalig, ohne Wiederholung, nie wiedergesehen, nie wieder geschah eine Auferstehung von den Toten. Das macht es auf den ersten Blick so schwierig zu glauben. Wir sagen immer, dass es keinen Beweis für das Jenseits gibt, weil noch nie einer zurückgekommen ist. Ich antworte dann gerne- wie Sie wissen mit – natürlich nicht, denn da ist es ja viel schöner.
Viel wichtiger an dieser Einmaligkeit ist mir aber etwas anderes. Für mich ist es kein Zeichen dafür, dass es zwar möglicherweise einmal passiert ist, aber die Ausnahme bleibt, sondern mir scheint, dass dieses Ereignis etwas ganz anderes sagen will: Die Geschichte wird ein Ende haben, es wird sich nicht alles wiederholen, es gibt nicht den ewigen Kreislauf von Geborenwerden und Sterben, von Hass und Liebe, von Krieg und Frieden, von Untergang und Wiederauferstehen, sondern es gibt ein Ende- und zwar ein Ende, das großartig ist, ein Durchbruch ist, eine neue Dimension erschließt, sinnvolles Lebensziel sein kann, Leben in der ewigen Liebe Gottes bedeutet. Die Welt hat ein Ziel, nicht das Kreisen in der schrecklichen Endlosschleife, ohne Möglichkeit des Entrinnens, sondern ihr Elend, ihre Katastrophen, das Machtgehabe von Potentaten, ob in Ost oder West, in Süd oder Nord wird ein Ende haben.
Das ist das, was Maria, Johannes und Petrus am Morgen des Ostertages zunächst nur geahnt hatten, dann aber offenbar verstanden haben.
Für sie war es ja ähnlich wie für so viele Menschen heute: Sie hatten sich auf ein Lebensmodell eingelassen, waren diesem Jesus gefolgt, waren von ihm fasziniert und wurden dann doch wieder enttäuscht als ihr Idol verurteilt wurde und starb. Sie hatten das Gefühl, das so viele Menschen kennen: alles wiederholt sich: man ist mal begeistert, es gibt tolle Zeiten und doch sind sie nicht von Dauer. Ein Einbruch kommt bestimmt. So war es für sie. In den beiden Tagen nach seinem Tod werden sie ängstlich, verunsichert, enttäuscht und deprimiert zusammengesessen haben.
Das Ereignis der Auferstehung aber hat ihnen die Augen geöffnet. Sie hatten die tiefere Bedeutung verstanden: Mein Leben hier auf dieser Erde ist sinnvoll, es ist nicht eine auswechselbare in das ewige Rad der Geschichte eingespannte Existenz; im Gegenteil: es ist einmalig und hat ein Ziel. Denn sie glaubten, dass das, was an Jesus geschehen war, ebenso für alle anderen Menschen gelten würde.
Für uns heute ist dieser Jesus Gottessohn, abgehobene einmalige Existenz, dem Glaubensbekenntnis nach in allem uns gleich außer der Sünde. Und damit doch komplett außerhalb unserer Reichweite, denn es gibt sonst niemanden ohne Sünde, ohne Schuld.
Für die Jünger aber war er einer von ihnen, zwar ein ungewöhnlicher Mensch, aber einer von ihnen. Einer, der mit ihnen aß, mit ihnen durch das Land zog, einer, der Freunde hatte und Gegner, einer, der enttäuscht sein konnte, auch mal voller Zorn, aber auch voller Liebe. Einer von ihnen eben. Und wenn dieser eine von ihnen auferweckt wurde, dann, ja dann galt das doch auch für sie nach ihrem Tod. Denn so wie er einer von ihnen war, waren sie jeweils einer von ihm.
Und das muss für sie überwältigend gewesen sein, so überwältigend, dass sie davon erzählen mussten. Sie konnten gar nicht anders. Sie waren voll davon. Und so entstanden die ersten Gemeinschaften, die sich auf diesen Jesus beriefen, selbst voller Hoffnung und Zuversicht, erfüllt davon, dass dieses Leben, ihr Leben sinnvoll war, ein Ziel hatte.
Und da wiederholt sich die Geschichte dann doch. Im folgenden Sinne: Wir heute sind die Jünger von damals: Unsere Aufgabe ist es, diese so befreiende, so erlösende Nachricht weiterzugeben.
Am liebsten möchte ich es jedem zurufen: Dein Leben ist sinnvoll, das, was Du heute erlebst, möglicherweise an Elend, an Unfrieden, an Katastrophen und Leid, das ist nicht alles. Das ist nicht das Ende. Das Ende ist ein Leben in ewiger Liebe. Ich habe es Palmsonntag schon anklingen lassen: Den vielen gegenüber, die sich nach erfülltem Leben sehnen, sind wir in der Pflicht. Wie für die Jünger und Jüngerinnen damals ist es eine automatische, sich aus der erlebten Hoffnung ergebende Aufgabe die anderen wissen und erleben zu lassen, dass da mehr ist als das, was die Welt vor der Hand zu sein scheint. Hinter dem Vorhang des Alltags verbirgt sich das wirkliche Leben.
Nein, das ist keine Vertröstung auf das Jenseits. Ich höre diese Stimmen schon, die das sagen. Die haben ehrlich gesagt nicht viel verstanden. Die Jünger damals haben aus der Begeisterung über das Erlebte doch keine esoterischen Zirkel aufgebaut, in denen man sich zurückzog, von der Welt abwandte, diese irgendwie überstehen musste, um dann eines Tages endlich ins Paradies einzuziehen. Nein, deren Begeisterung hat Gemeinden aufgebaut, in denen man sich umeinander kümmerte, in denen man auch das gegenwärtige Leben mit Liebe und gegenseitigem Respekt verändern wollte.
Und an dieser Vorgabe hat sich bis heute nichts verändert. Das Fest der Auferstehung ist das Fest der Hoffnung auf mehr, auf wirkliches Leben. Wer davon erfüllt ist, will es umsetzen, weitergeben, will wirkliches Leben auch für andere. Die Hoffnung auf das Danach, verändert den Blick auf das Jetzt, will es JETZT schon verändern, JETZT schon spüren lassen, was uns erwartet.
