Karfreitag, 3. April

Ein wenig ratlos war ich in den vergangenen Wochen.

 

Früher schien es mir immer ziemlich klar zu sein, was denn das Kreuz bedeutet; ich hatte einen Zugang zum Karfreitag und seinem Geschehen gefunden. Ich meinte verstanden zu haben, warum Jesus sterben musste; ich fand mich ziemlich gut im Erklären der Heilsgeschichte.

Ich hatte in den letzten Monaten aber zu viele Gespräche, die sich alle um die Aspekte von Tod, dem Sinn oder Unsinn von Krankheit und persönlichem Leid drehten und in denen meine Antworten nicht mehr so einfach griffen.

Nicht, dass das in meinem Priesterleben etwas Neues gewesen wäre. Nach nun in diesem Jahr genau 40 Jahren im Amt sind mir naturgemäß manche Situationen begegnet, in denen sich  die berühmte Frage nach dem Warum immer wieder gestellt hat: ob durch das viel zu frühe Sterben von Menschen, durch die endlose Quälerei von Krankheiten, durch die  die liebevollsten Personen gehen mussten, durch die zunehmenden Kriege und den damit sich auftuenden menschlichen Abgründen, durch Ungerechtigkeiten im Leben Einzelner oder auch durch das Glück, das mancher hatte, der es in meinen Augen nun wirklich nicht verdient hatte.

 

Aber irgendwie dachte ich, die Antwort gefunden zu haben:

Das Leid und das Glück, das Elend und die Freude sind Zustände, die wir uns nicht verdient haben, sondern, die sich uns zufällig im Leben stellen. Mal Gutes, mal Schlechtes. Sie kommen einfach, stellen sich uns in den Weg, gehören zum Mensch-Sein dazu, sind Zugeständnis an die Existenz im Diesseits, bevor wir im Jenseits wieder zu dem gehören, aus dem heraus wir  gekommen waren. So einfach erschien es mir, denn Jesus hatte doch die Welt mit Gott versöhnt, wie die Theologie es so schön ausdrückt. Auf Jesus schauen- und durch. So könnte man meine Antworten ein wenig schlicht zwar, aber im Kern zutreffend zusammenfassen.

Und so dachte ich, dass es einfach weitergehen würde, ich meinte, dass ich weiter an Weisheit und Gotteserkenntnis wachsen würde und mich darin nichts beirren könnte. Weit gefehlt.

 

Nicht, dass es EIN Ereignis gegeben hätte, nachdem ich gesagt hätte, „vergiss es Wolfgang, das ergibt alles keinen Sinn mehr“. Nein, es hat sich eingeschlichen, langsam wie ein Umweltgift, das man wegen der geringen Dosis erst viel später bemerkt; seine Wirkung verfehlt es dennoch nicht.

Nachdem mich jahrelang die Frage nach dem Warum eher gelangweilt hatte, weil sie mir zu inflationär gestellt zu werden schien, schlich sie sich – von hinten sozusagen – langsam in mein eigenes Bewusstsein ein.

Meine Antworten erschienen mir selbst immer hohler und am liebsten hätte ich geschwiegen.

Aber auch das war keine Lösung, denn von einem Priester werden in der Regel keine Fragen, sondern Antworten erwartet. Die Psychologie sagt zwar, dass Zuhören dem Leidenden Linderung verspricht, was sicherlich auch wahr ist, aber die Zweifel hätte der Kranke oder Sterbende dennoch gerne ausgeräumt.

 

Wir wüssten so gerne warum die Dinge so sind wie sie sind.

Wir möchten wissen, warum die Welt so ungerecht ist, warum in der Ukraine immer noch, im Nahen Osten wieder und im Sudan so unbemerkt vor der Weltöffentlichkeit so viele Menschen sterben, nicht nur Kämpfende, was wir irgendwie einsehen könnten, sondern Alte, Kinder und alle Arten Unbeteiligter.

Wir möchten wissen,  warum liebe Menschen urplötzlich von einem schweren Unglück betroffen sind.

Wir möchten wissen, warum Menschen so hasserfüllt sein können, dass sie mit ihrem eigenen Tod Hunderte anderer mit selbstgebauten Bomben in den Tod reißen können.

Wir möchten wissen, warum die junge Mutter mit einer schweren Krankheit kämpfen muss, obwohl sie zu Hause von ihren kleinen Kindern gebraucht wird.

Warum??? Gott, gib endlich eine Antwort, schweig nicht einfach, häng dort nicht am Kreuz, selbst dem Tod ausgeliefert- mach was.

Das kann man noch so oft inbrünstig beten, noch so verzweifelt hinausbrüllen, oft genug ist nur Totenstille die Antwort, die Leere des Weltalls tönt niederschmetternd laut.

Das Studieren des Buches Hiob, das Lesen einschlägiger Psalmen verschafft dann eine gewisse Linderung; erfährt man dann  doch davon, dass die Glaubenden vor uns die gleichen Fragen hatten. Auch sie zweifelten, wussten nicht, warum ihnen dieses und jenes geschah, erfuhren die bittere Einsamkeit des Leides.

Herr, warum bleibst du so fern, verbirgst dich in Zeiten der Not? heißt es in Ps. 10 oder in Ps. 13: Wie lange noch, Herr, vergisst du mich ganz? Wie lange noch verbirgst du dein Gesicht vor mir?

Wie lange noch muss ich Schmerzen ertragen in meiner Seele, in meinem Herzen Kummer Tag für Tag? Wie lange noch darf mein Feind über mich triumphieren?

Oder Ps.22, der gerade an Karfreitag nicht fehlen darf, denn er wurde uns als das Gebet überliefert, das Jesus selbst in seiner Not betete: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?  Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe.

 

Offenbar ging es so vielen so in den Jahrhunderten unserer Glaubensgeschichte genau wie den vielen, die sich heute die gleiche Frage nach dem Warum stellen.

Das hilft schon ein wenig, weiß man doch zumindest dadurch, dass man nicht alleine ist- zumindest nicht alleine mit der Frage. Und dennoch ist damit nichts von der Wucht der Frage selbst genommen. Das Alleinsein in der konkreten Situation der Krankheit und Todesfurcht ist nicht beseitigt.

 

„Statt ‚Warum‘ sollte man ‚Wozu‘ fragen“, las ich mal zu diesem Thema. „Wozu ist dieses Leid über Dich gekommen“, lenke von der Sinnlosigkeit der Warumfrage ab.

Tut sie das? Ja, schon, es lenkt davon ab, wenn ich statt nach dem Warum des konkreten Leides nach einer Antwort darauf suche, wozu dies oder jenes Leid dienen möge.

Habe ich diese oder jene Krankheit, damit ich auf einen falschen Lebensstil aufmerksam gemacht werde? Hatte ich diesen Unfall, um mir bewusst zu werden wie verletzlich das Leben ist? Gibt es diesen Krieg, um unsere Anstrengungen für Frieden und dessen Grundlagen zu verstärken?

Ich will nicht ausschließen, dass dieses Umlenken der Frage vom Warum auf das Wozu im Einzelfall hilfreich ist, aber es ist für mich nicht mehr als das, was eben schon anklang:  ein Ablenken von der eigentlichen Frage nach der menschlichen Existenz. Ein Ausblenden der quälenden Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Lebens, wenn es so ist, wie es ist.

 

Eine aufmerksame Zuhörerin sprach mich nach einer Predigt zu einem ähnlichen Thema einmal an und sagte, dass ihr aufgefallen sei, dass ein ihr wichtiger Aspekt kaum berührt worden sei. Das sei der, das Kreuz anzunehmen, das einem auferlegt wurde.

Merkwürdig, danach wurde bei mir etwas zurechtgerückt.

Das Kreuz annehmen, das mir auferlegt wurde.

Genau diesen Gedanken fand ich immer besonders furchtbar. Und zwar wegen des zweiten Teils des Satzes: …das mir auferlegt wurde. Ein Kreuz, ein Leid, ein Unfall, eine Not, eine Krankheit, die mir auferlegt wurde.

Wenn es auferlegt wurde, stellt sich doch die Frage, WER es mir auferlegt hat? Das Schicksal, der Zufall, Gott etwa? Ist er etwa für das Elend verantwortlich? Soll ich etwa mit der Antwort zufrieden sein, dass Gott mir das schickt? Ausgerechnet Gott, dieser Gott, der die Liebe ist? Nicht nur, dass er es passiv zulässt, nein, dass er es sogar schickt?

 

Die Liturgie des Palmsonntags in der katholischen Kirche feiert im gleichen Gottesdienst den jubelnden Einzug Jesu in Jerusalem und seine Passion. Beide Evangeliumsabschnitte werden gelesen und stehen manchmal ziemlich unvermittelt nebeneinander.

Als ich diese Woche die Leidensgeschichte wie sie bei Lukas aufgeschrieben ist, noch einmal las, blieb mir die Szene im Gedächtnis, in der Jesus und die Jünger sich unmittelbar vor der Gefangennahme im Garten Gethsemane aufhielten. Da heißt es: Dann entfernte er sich von ihnen ungefähr einen Steinwurf weit, kniete nieder und betete:
Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen. Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und gab ihm Kraft. Und er betete in seiner Angst noch inständiger, und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.

Es wurde etwas bei mir zurechtgerückt, habe ich eben gesagt. Genau, der Hinweis der Zuhörerin und diese Zeilen aus dem Lukasevangelium haben etwas zurechtgerückt: Jesus selbst hatte abgrundtiefe Angst, Furcht vor dem zu erwartenden Geschehen. „Wenn Du willst Vater, nimm diesen Kelch von mir“. Lass das Elend bitte an mir vorübergehen, diesen bitteren Kelch schaffe ich nicht. Lass es nicht zu Gott, bitte. Wenn Du willst Vater.

Das sind die entscheidenden vier Wörter: wenn du willst Vater. Es ist diese Gottergebenheit, die mir oft so fremd vorkam.

Natürlich habe ich dieses biblische Wort schon tausendmal gehört. Tausendmal ist nichts passiert- so hieß mal ein deutscher Schlager. Aber beim Tausendunderstenmal, da hat es gezündet. So war es bei mir. „Wenn Du willst Vater.“

Nein, das ist keine Antwort auf die Warumfrage, keine auf die Wozufrage.

Es ist ein Eingeständnis der eigenen Erkenntnisgrenzen. Das war es, was mich befreit hat: „Wenn du willst Vater“ heißt doch, ich traue dir zu Vater, dass du weißt, was du tust. Wenn das dein Wille ist, dann wird es seinen Grund haben. Wenn es das ist, was jetzt geschehen soll, dann muss es so sein.

Das „Wenn du willst“ richtet sich ja nicht an irgendwen. Nicht an das Schicksal, nicht an den Zufall, nicht an eine entfernte Gottheit, sie richtet sich an den Vater. An den Gott, der in der Empfindung Jesu sein guter Vater war.

Da war bei Jesus nichts als Vertrauen. „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe“

 

Und da erschien ihm vom Himmel ein Engel und gab ihm Kraft, heißt es weiter. Da war der Mut zurück. Das blinde Vertrauen, das kleine Kinder ihren Eltern entgegenbringen half Jesus im Vertrauen auf seinen Vater hin. Mach mit mir, was du willst, es wird schon seine Richtigkeit haben.

 

Noch einmal, es ist keine Antwort auf die Warumfrage. Ich weiß nicht warum, ich weiß auch nicht wozu.

Ich  versuche aber das Vertrauen in mir wachsen  zu lassen, dass derjenige, der mich erschaffen hat, diese Frage beantworten kann; ich darf protestieren, meine Wut und meinen Zorn herausschreien, aber gleichzeitig will ich darum bitten, dass das Vertrauen in mir wachsen möge, dass es eine Antwort gibt, auch wenn ich sie mir partout nicht vorstellen kann, angesichts der vielen Bilder des Elends, die Tag für Tag aus der Gegenwart oder aus der Vergangenheit auf uns einprasseln.

 

Zum Schluss noch einmal Ps. 22:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?

3 Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe.

4 Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels.

5 Dir haben unsre Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet.

6 Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.