Fronleichnam 4. Juni
Das Zelt steht nun einige Wochen hier in unserem lit. Garten. Provisorisch befestigt an ein paar Gegenständen, nicht wirklich schön, eher praktisch aussehend.
Und das soll auch so sein. Es erinnert damit an die jüdischen Ursprünge unseres Glaubens, daran wie Gott von Israel wahrgenommen wurde als es sich unter der Führung Moses von Ägypten aus in das sogenannte Gelobte Land aufmachte.
Einige Jahrtausende ist das nun her- genau datieren lässt es sich nicht, weil es keine historischen Nachweise vom Exodus gibt. Nur die Bibel berichtet davon. Vermutlich deuten sich in dieser Geschichte historische Ereignisse an, denn das Pharaonenreich hat immer wieder ausländische Gruppen zur Arbeit gezwungen und sicherlich ist es auch immer mal wieder einigen gelungen, aus dieser Situation zu fliehen.
Ansonsten bleibt uns nur, das Geschehen als das zu lesen, was es in erster Linie ist: Eine Deutung des alltäglichen Lebens mit all seinen Erfahrungen von Glück und Unglück durch die an Jahwe glaubenden Israeliten.
Sie verstanden ihren Weg als Einzelne und als Gemeinschaft von Gott begleitet. Sie fühlten sich geführt, einem Ziel, einem Lebensziel zustrebend, das ihnen von einer höheren Macht von Gott zugewiesen war.
Das war kein ebener Weg, keine Prachtallee, die von guten Restaurants und Sehenswürdigkeiten geprägt war, sondern ein steiniger Weg an und über viele Hindernisse vorbei bzw. hinweg.
Und deswegen ist diese Geschichte so zeitlos. Sie formuliert das Elend der Rechtlosen und Unterdrückten, sie zeigt eine Perspektive auf, die zur Befreiung führt und legt Zeugnis von der Überzeugung ab, dass die Geschichte zielgerichtet ist, es trotz aller Höhen und Tiefen auf ein gutes Ziel hingeht.
In dieser Geschichte finden sich die Zweifel wieder, die jeder aus seinem Alltag kennt: geh ich den richtigen Weg, habe ich mich verrannt, gibt es Alternativen. Und den Gläubigen heute wie damals plagen dieselben Fragen, ob denn Gott wirklich mit ihnen unterwegs ist.
Moses war dabei derjenige, der offenbar eine besonders tiefe innerliche Beziehung zu Gott entwickelt hatte. Aus seinen Gebeten und Gotteserfahrungen wuchs in ihm die Erkenntnis, dass sie eben nicht alleine ihren Lebensweg gehen mussten, dass dieser zu einem Ziel führt und dass ihnen dabei Gott vorangeht, das Ziel immer wieder neu vorgibt und dass er sie nicht aus den Augen verliert- wenn sie ihn nicht aus den Augen verlieren.
Die Exodusgeschichten sind ja auch so anrührend und zeitlos, weil sie die Zweifel nicht verschweigen, die Prüfungen der Glaubensüberzeugungen durch äußerliche Bedrohungen, wie Überfälle und Hungersnöte. Die alten Fragen: Wie kann Gott mit ihnen unterwegs sein, wenn sie dennoch durch all das hindurchmussten.
Wieso sind wir losgezogen? Um hier in der Wüste zu verdursten und zu verhungern? Dann doch lieber in der Sklaverei bleiben, wo es zumindest etwas zu essen gab.
Die Exodusgeschichte ist eine Aufforderung, das Leben anzunehmen, sich den Herausforderungen zu stellen, sich nicht in Ängsten und Sorgen zu verkriechen, den Stier bei den Hörnern zu packen und mutig voranzugehen. Wissend, dass das Leben durch Höhen und Tiefen führt, dass es als Abenteuer angelegt ist und nicht als Winterschlaf.
Aber vor allem wissend, dass das Gelobte Land existiert und dass Gott einen dorthin führt, wenn, ja wenn ich ihm vertraue.
Ein Nomadenvolk baut sich keine Kirche, keinen Tempel, kein festes Haus. Ein Nomadenvolk ist mit Zelten unterwegs. Sollten sie Gott ein Haus bauen und dann weiterziehen und damit Gott symbolisch zurücklassen? Nein, wenn Gott an ihrer Seite war, dann brauchte es dafür ein mitnehmbares Zeichen, ein Zelt, ein immer wieder auf- und abbaubares Tabernaculum, wie es auf Latein heißt.
Und so zog Gott mit ihnen, am Tag in einer Wolkensäule und in der Nacht in einer Feuersäule.
Im 33. Kapitel des Buches Exodus heißt es: 7 Mose nahm jeweils das Zelt und schlug es für sich außerhalb des Lagers auf, in einiger Entfernung vom Lager. Er nannte es Offenbarungszelt. Wenn einer den HERRN aufsuchen wollte, ging er zum Offenbarungszelt vor das Lager hinaus. Nur Moses betrat das Zelt und wenn er das tat, ließ sich die Wolkensäule am Zelt nieder.
Herrliche Bilder für die enge Beziehung, die dieser Gläubige, die dieser Moses mit Gott hatte.
Für ihn war Gott nichts statisches, sondern Dynamik, bereit ihm Einsicht zu verschaffen und ihn und damit das Volk zu führen und zu begleiten.
Wir sind keine Nomaden mehr und wenn, dann mit festem Wohnsitz. In unseren Kirchen hat sich Gott niedergelassen, im Tabernaculum sozusagen einen festen Platz gefunden. Das verführt dazu, Gott als etwas zu sehen, das dingfest gemacht werden kann, für den Sonntag besuchbar, für den Alltag aber eher zweitrangig.
Das Zelt will uns daran erinnern, dass Gott ganz anders ist, Dynamik ist, die Dynamik des Lebens selbst ist, wir gar nicht ohne Gott existieren würden und somit gar nicht ohne ihn sein können- oder anders betont: Und wir somit gar nicht OHNE ihn sein können. Schöpfer und Geschöpf fallen nicht auseinander, sind nicht zu trennen- wir sind nie ohne Gott.
Als Christen sind uns nicht Wolken- oder Feuersäule Zeichen für den anwesenden Gott, sondern das Brot und der Wein, die Jesus zu Bildern seiner Anwesenheit unter uns ausgesucht hat.
Brot und Wein stehen stellvertretend für das, was uns physisch am Leben erhält, werden aber durch das, was wir in jeder Messe feiern zu Zeichen für das, was uns seelisch am Leben erhält.
Unsere Verehrung an Fronleichnam ist die Verehrung dieses Gottes, der immer wieder Wege findet, sich uns zu zeigen, Wege findet, die Gewissheit in uns wachsen zu lassen, dass wir nicht alleine durch dieses Leben gehen, sondern von Gott begleitet, ob in der Feuersäule, in der Wolkensäule oder in seinem Sohn Jesus Christus.
