Christkönig

Diese Woche war ich ja noch in Saudi-Arabien und hatte dort  ein zufälliges Hotelgespräch mit einem jungen Saudi.

Wie so oft dort, kamen wir dabei schnell auf das Thema „Religion“ zu sprechen.

Meist sind das freundliche Gespräche und ich habe das Gefühl, dass die Leute sich freuen, wenn man religiös ist und über diese Dinge auch sprechen kann. Ich erinnere mich noch an eine Gruppe von jungen Damen, die mich vor lauter Freude in eine zufällig am Wegesrand liegende Buchhandlung führten, um mir dort eine schöne Ausgabe eines Korans zu kaufen.

Dabei schwang in dieser Geste schon etwas mit, das ich nun auch bei diesem jungen Mann verspürte: der Wille, mich davon zu überzeugen, dass der Islam doch eine großartige Religion ist und alles andere im Vergleich minderwertig.

Wir hätten das früher Mission genannt- dort ist dieses Modell noch in den Köpfen vieler Leute verankert.

 

Dann zeigte er mir ein Youtube-Video, das mich eben genau davon überzeugen sollte. Da war eine Versammlung von mehrheitlich Muslimen zu sehen, die einem Imam zuhörten. Dem durfte man Fragen stellen. Es erhob sich eine junge Frau, die sich als Katholikin vorstellte und fragte, ob man als Christ nach Ansicht des Islam in die Hölle komme. Der Prediger sagte Nein; dann kam das große Aber:  Wenn sie als Katholikin aber an die Kirche glaubte, dann schon.

Abgesehen davon, dass ich es irre fand, dass mich dieser junge Saudi damit davon überzeugen wollte, unmittelbar zum Islam zu wechseln hat mich eines besonders betroffen und nachdenklich gemacht:

Was bildete sich dieser selbstsichere Prediger eigentlich ein, dass er mit so großer Gewissheit sagen konnte, was denn wohl Gott entscheiden wird was mit dieser Person geschehen wird.

Mich treibt dieses Thema schon lange um: Welche Aussagen dürfen wir verlässlich eigentlich von Gott machen? Im Grunde doch keine einzige. Wenn Gott tatsächlich der immer Größere ist, unser Wissen und unsere Erkenntnismöglichkeit übersteigt, dann müssten wir doch eigentlich über ihn schweigen, weil jede Aussage die Gefahr in sich trägt, falsch zu sein.

 

So wie dieser besagte Saudi glaubt, dass wir Katholiken nicht in den Himmel kommen können, so wird es genügend Katholiken geben, die Ähnliches über die Muslime sagen. Derselbe Gott also verwehrt mal den einen, mal den anderen den Zugang zum Himmel.

 

Wie so oft ist es doch wohl so, dass wir uns ein Bild von Gott machen, unsere menschlichen Ansichten sozusagen verlängern und zu vermeintlichen Ansichten Gottes machen. Und dann kommt eben so etwas Schräges wie gerade beschrieben dabei heraus.

 

Wenn wir heute Christkönig feiern verbreiten wir damit zwar keine Vorstellung von Gott, aber eine von Jesus.

Sie hat sogar biblischen Bezug. Am Kreuz war eine Plakette mit der Aufschritt König der Juden angebracht. Sie war zwar spöttisch gemeint, aber im Gespräch mit Pilatus bejaht Jesus die Frage des Statthalters ob er ein König sei, mit Ja. Allerdings sei sein Reich nicht von dieser Welt.

 

Und in vielen Predigten zu diesem Fest werden wir dazu aufgefordert Christus im eigenen Leben einen Platz einzuräumen, das Leben durch ihn bestimmen zu lassen, nicht vornehmlich durch anderes, sondern durch ihn. Christus als König in seinem Leben regieren zu lassen, bedeutet das Leben aus der Sicht auf ihn hin und von ihm als Fundament her zu leben.

So oder ähnlich klingt es dann.

Das ist ja sicher auch nicht verkehrt, aber schon nistet sich wieder eine Vorstellung von Gott in unseren Köpfen ein, die sich verselbstständigen kann. Gott als König, Gott als Regent, Gott auf  einem Thron. Alles biblisch und deswegen für uns nachvollziehbar, denn die Bibel ist für uns der einzige Zugang zu Gottesvorstellungen. Wie oft sage ich, dass uns in Jesus das Gesicht Gottes offenbar geworden ist, deutlich vor Augen geführt worden ist.

 

Und dennoch: Auch im Hinblick auf das zitierte Gespräch mit dem jungen Saudi, wird immer wieder klar, wie vorsichtig wir mit Aussagen über Gott und seinen Willen sein sollten.

 

Im Laufe der Jahre ist mir unsere kleine Kirche mehr und mehr ans Herz gewachsen.

Hier gibt es kein Bild von Gott- nur die hinlänglich bekannte „Leere Mitte“- der zentrale Punkt an der sich die Diagonalen zwischen Brot der Menschen und Brot Gottes und Wort der Menschen und Wort Gottes treffen.

Aber viel eindringlicher und anrührender finde ich unser Kreuz.

Daran gibt es ja keinen Korpus, keinen Hinweis auf den, der daran gehangen hat, sondern am Kreuzungspunkt der Vertikalen und der Horizontalen nur ein kleines leeres Viereck. Im Zentrum steht die Leere.

Der berühmte Mystiker des 13. Jahrhunderts Meister Eckhart sagte: Ich will Gott niemals bitten, dass er sich mir hingeben soll; ich will ihn bitten, dass er mich leer und rein mache. Denn wäre ich leer und rein, so müsste Gott aus seiner eigenen Natur sich mir hingeben und in mir beschlossen sein.

Das Nichts, die Vorstellungslosigkeit war ihm die Voraussetzung der Gottesbegegnung.

Sich leer machen von allen eigenem.

 

Ich kann mir als Mensch nichts vorstellen, ohne ein Bild davon zu haben. Auch und gerade von Gott. Aber: ich muss mir dabei immer bewusst sein, dass es, wenn überhaupt nur einen kleinen Ausschnitt repräsentiert und damit immer falsch ist, weil es alles andere eben nicht repräsentiert.

Das leere kleine Viereck in unserem Kreuz erinnert mich immer daran: beseitige immer wieder neu jede Idee und Vorstellung von Gott, die sich in Dir manifestieren will.

Sie ist nicht Gott.

Er ist nicht König, nicht Herrscher, nicht Hirte, nicht Schöpfer, nichts von all den Namen und Bezeichnungen, die wir immer wieder von ihm/ihr/es zeichnen. Der Absolute, der über allem Seiende kann nicht in EINEM Bild widergegeben werden. Dementsprechend ist jedes Bild von ihm falsch.

Er bleibt ein Geheimnis, lässt sich immer nur im Wirken von Menschen finden, die ihm nachfolgen, im Handeln und Wirken seines Sohnes, seiner Propheten, in jedem neugeborenen Wunder des Lebens, in jedem Wort und jeder Tat der Barmherzigkeit und der Liebe, in jeder tröstenden Hand und versöhnenden Umarmung.

 

Und wenn wir uns von allen Vorstellungen von ihm geleert haben, dann füllt sich dieses Nichts in uns mit Erkenntnis, mit einer Ahnung des Heiligen, des Verbundenseins aller mit allen und allem. Dann herrscht in uns das Göttliche, werden wir zu seinem Spiegel.

Deswegen schauen wir uns an in unseren Gottesdiensten, in das Antlitz der anderen, in junge, in alte, in von Erfahrungen geprägte Gesichter, von Lebensfreude, von Trauer, von Hoffnung, von Mutlosigkeit- in alldem begegnet uns das Göttliche, im heiligen Kreis, den wir bei jeder Kommunion bilden und bei der wir in die Leere in unserer Mitte schauen.

 

Dann brauchen wir keinen Gott als König, dann füllt sich unser Inneres mit dem Göttlichen.

 

Wie lächerlich es dann wirkt, dem anderen den Zugang zum Himmel, zur Gemeinschaft mit Gott abzusprechen- das kann nur geschehen, wenn ich in mir Vorstellungen und Bilder von Gott sammle und diese für wirklich halte.

 

Hören wir die Worte von Meister Eckhart noch einmal:

Ich will Gott niemals bitten, dass er sich mir hingeben soll; ich will ihn bitten, dass er mich leer und rein mache. Denn wäre ich leer und rein, so müsste Gott aus seiner eigenen Natur sich mir hingeben und in mir beschlossen sein.