Christi Himmelfahrt, 14.5.

Christi Himmelfahrt 2026

 

Gestern kam eine Todesanzeige und da stand es wieder: – „in unseren Herzen wirst du weiterleben“.

 

Ich weiß nicht, wie Sie diesen Satz empfinden, aber mir klingt er zunächst immer sehr sympathisch, verliert dann aber schnell an Strahlkraft.

Schön ist die grundsätzliche Idee des Weiterlebens, die Vorstellung, dass nach dem Tod kein Ende kommt, sondern, dass es weitergeht. Aber damit hört es auch schon auf.

Denn wo lebt der Verstorbene denn weiter? In unseren Herzen.

Und was ist, wenn diese Herzen eines Tages auch nicht mehr schlagen?

Ist der Verstorbene, wenn denn niemand mehr die Erinnerung an ihn in seinem Herzen trägt, ein zweites Mal gestorben, endgültig tot? Vergessen, vorbei?

Nein, Himmel und  Ewigkeit stell ich mir anders vor, nachhaltiger, um mal ein modernes Wort zu benutzen.

Und dabei hilft mir ausgerechnet eine Formulierung, die man früher sehr häufig benutzt hat: Wenn da vom Sterben gesprochen wurde, hieß es oft: Er oder sie wurde heimgerufen oder ist heimgegangen.  Mal abgesehen davon, dass das eine ein passiver und das andere ein aktiver Vorgang ist, spricht mich bei beiden die Vorsilbe „heim“ an. „Heimgehen“ klingt danach, sich nach einem langen Ausflug, nach einer abwechslungsreichen Reise auf den Weg in die Heimat zu machen, in das Geborgenheit vermittelnde Zuhause.

Und dieses Zuhause hat einen Namen: Himmel.

Ein erster Hinweis auf das, was Himmel ist also: Himmel ist der Ort an den wir zurückgehen. Und damit auch der Ort, von dem wir kommen- sonst könnten wir garnicht dorthin ZURÜCKgehen!

 

Der Jesuit David Steindl-Rast betont in seinem Buch „Credo“, dass das Glaubensbekenntnis nicht nur Ausdruck unseres Glaubens an Gott ist, sondern sozusagen auch das Glaubensbekenntnis Gottes an uns, den Menschen. Im  Credo ist mit manchem Satz über Gott auch eine  über den Menschen gemacht.

Das gilt nun ganz besonders für die Aussage über die Himmelfahrt Christi, „Aufgefahren in den Himmel“.

Hilfreich sind dabei auch ein paar Gedanken des damaligen Theologieprofessors Josef Ratzinger. 1968 nämlich schon formuliert er:

„Himmel ist nicht ein Ort, der vor der Himmelfahrt Christi aus einem Strafdekret Gottes heraus abgesperrt gewesen wäre, um dann eines Tages aufgeschlossen zu werden. Die Wirklichkeit Himmel entsteht vielmehr allererst durch das Ineinstreten von Gott und Mensch. Der Himmel ist zu definieren als das Sichberühren des Wesens Mensch mit dem Wesen Gott; dieses Ineintreten von Gott und Mensch ist in Christus mit seinem Überschritt über das biologische Leben durch den Tod hindurch zum neuen Leben endgültig geschehen. Himmel ist demnach jene Zukunft des Menschen und der Menschheit, die diese sich nicht selbst geben kann, die ihr daher, solange sie nur auf sich wartet, verschlossen ist und die erstmals und grundlegend eröffnet worden ist in dem Menschen, dessen Existenzort Gott war und durch den Gott ins Wesen Mensch eingetreten ist.“

Vielleicht muss das ein wenig erläutert werden.

Himmel ist das Gegenteil von Hölle. Die wiederum ist genauso wenig ein Ort, in dem die auf ewig Verdammten auf glühenden Kohlen sitzen, von einem Wesen mit Pferdefuß gepiesackt werden, wie der Himmel ein Ort ist, in dem man auf ewig harfespielenden Engeln zuhört oder selbst Halleluja singt.

„Hölle“, so Josef Ratzinger, „kann nur der Mensch sich selber geben. Ja, wir müssen es schärfer ausdrücken: Sie besteht förmlich darin, dass der Mensch nichts empfangen und gänzlich autark sein will. Sie ist der Ausdruck der Verschließung ins bloß  Eigene. Das Wesen dieser Tiefe besteht demnach eben darin, dass der Mensch nicht empfangen will, dass er nichts annehmen, sondern nur gänzlich auf sich selbst stehen, sich selbst genügen möchte. Wenn diese Haltung letzte  Radikalität gewinnt, dann ist er der Unberührbare, der Einsame, der Verweigerte geworden. Hölle ist das Nur-selbst-sein-Wollen, das, was wird, wenn der Mensch sich ins Eigene versperrt.“

Himmel ist dann ja wohl das Gegenteil, dann, wenn der Mensch nicht in sich selbst versperrt ist, nur sich selbst genügt, sondern ganz offen ist für Gott.

Das gelingt uns im alltäglichen Leben nur selten und begrenzt. Es gibt diese himmlischen, geglückten Momente, Sekunden des Glückes, des Sich-eins-Fühlens mit sich selbst, der Welt und dem Ewigen. Das ist dann Himmel.

Diese seltenen Momente können wir aber kaum produzieren, wir können uns nur für sie offenhalten.

Das biologische, das alltägliche, das menschliche, materielle Leben erfordert so viel Aufmerksamkeit, es kostet so viel Kraft, die Bedürfnisse der eigenen Existenz und die der Menschen, mit denen man sich verbunden fühlt, aufrechtzuerhalten, dass man eben oft verschlossen ist für die Momente, in denen schon etwas von der Zukunft des Himmels spürbar ist. Momente des Einsseins also des Menschen mit Gott.

Theorie?

Nein, das kann so auch praktisch erfahrbar werden.

Kürzlich spürte ich etwas davon, als ich mich mit einer Frau aus dem Adeste-Team unterhielt. Wir sprachen über die Abende, bei denen am Botanique die Lebensmittel ausgegeben werden.

Eigentlich muss es dabei immer sehr schnell gehen, denn bis zu 200 Personen müssen innerhalb einer knappen Stunde freundlich zwar, aber eben schnell versorgt werden. Dennoch merkte man meiner Gesprächspartnerin an, wie angerührt sie oft ist, wenn sie die Freude der Gäste, wie die Menschen, die dort anstehen respektvoll genannt werden, in deren Augen sehen kann- Freude darüber etwas Warmes zu essen zu bekommen, aber auch darüber, gesehen zu werden, angesehen zu werden.

Plötzlich gibt es für einen kurzen Moment eine Verbindung nicht von Bittendem zu Gebendem, sondern von Mensch zu Mensch.

In dem Moment war Himmel.

Im sich-mit-Liebe-begegnen öffnete sich ein Stück Himmel. Und zwar eben nicht nur für den empfangenden Gast, sondern auch für den Gebenden, weil man sich in diesen Momenten auf einer Ebene begegnet, die unseren göttlichen Kern berührt, eine Ebene, auf der Menschen sich in dem berühren, was sie in Wahrheit, im Innersten sind: durch den einen göttlichen Vater verbunden als Brüder und Schwestern.

Wenn das geschieht ist Himmel- und Hölle ist dort, wo der einzelne sich verschließt, zumacht, isoliert, alleine wird, einsam, tot.

Menschliches Leben ist im Alltag selten auf einen der extremen Punkte konzentriert: Höllische Momente sind genauso selten wie himmlische.  Bei dem einen zum Glück, bei dem anderen traurigerweise. Das ist der Preis dafür, auf dieser Erde, in diesem Leben zu sein. Es ist aber eben nicht unsere wahre und endgültige Existenz. Die wird erst noch sein.

 

„Aufgefahren in den Himmel“- eine Aussage über  Christus. Ja, aber eben nicht nur. Im Leben Jesu waren für ihn, aber vor allem für die, die ihn erlebten, Momente des Himmels spürbar, Momente, wo sich Mensch und Gott begegneten, aber auch und selbst bei Jesus nicht dauerhaft- endgültig erst nach dem Durchgang durch den Tod, der Reise, der Fahrt in den Himmel.

Und so wird es für uns sein: Himmel spüren wir in besonderen Momenten der Begegnung untereinander immer mal wieder. Und diese Momente werden seltener sein, je mehr wir uns in uns selbst verschließen, zentriert auf unser Ego, egozentrischer werden. Und sie werden mehr, je mehr wir uns öffnen, den anderen in den Blick nehmen, bis wir unser Ego ganz verlieren im Tod und damit frei werden für den Blick auf den anderen, auch auf den GANZ anderen, auf Gott, heimkehren- dann ist Himmel.