9. August, 19. Sonntag im Jahreskreis

 

Gerade jetzt im Urlaub macht mancher von uns vielleicht eine ähnliche Erfahrung wie hier in der Geschichte beschrieben, zumindest was die Wirkung des Windes angeht. Auf einem Boot oder vielleicht bei einer Fahrradtour. Gegenwind ist zwar meist unangenehm, man kann ihm aber auch positive Seiten abgewinnen. Er kühlt nicht nur, er erhöht auch den Trainingseffekt. Dabei ist diese Geschichte vom Gegenwind auch eine Geschichte vom Gegenwind im übertragenen Sinne.

 

Der Kampf mit Wind und Wellen, wie er in der Evangelienperikope von den Jüngern erzählt wird, ist ein Bild für Existenzkämpfe, denen sich jeder Mensch in irgendeiner Weise ausgesetzt sieht. Der eine kämpft um das wirtschaftliche Überleben, der andere um einen Arbeitsplatz, wieder andere kämpfen gegen eine lebensbedrohende Krankheit… Und nicht immer wird dieser Kampf natürlich gewonnen.

 

Auch Jesus hatte Gegenwind in seinem Leben. Das übersehen wir allzu leicht, wenn wir die schönen Geschichten der Bibel lesen. Die Textstelle vor dem heute Gehörten erzählt das Folgende: Jesus wollte sich in die Einsamkeit zurückziehen, nachdem er gehört hatte, dass Johannes der Täufer geköpft worden war. Vielleicht überlegte er sogar, sich ins Privatleben zurückzuziehen. Er war Realist genug, um abschätzen zu können, was das Vorgehen gegen Johannes für ihn und sein Programm bedeutete. Zur ersehnten Nachdenkpause kam es aber nicht, da die Menschen herausfanden, wo er sich aufhielt, und ihn auch dort mit ihrer Not bedrängten. Das Mitleid mit ihnen ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Er heilte die Kranken, predigte und sättigte sie in ihrem geistigen, geistlichen und leiblichen Hunger.

Erst in der darauffolgenden Nacht blieb ihm Zeit, seine eigene Not vor seinen Vater, vor Gott zu bringen. Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass er sich bewusst war, dass er durch das, was er tat, nicht nur sich selbst, sondern auch seine Jünger in Gefahr brachte. Vermutlich waren diese sich dessen noch gar nicht bewusst.

„Nachdem er alle weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten“, lesen wir. Nach dem Zusammensein mit dem Vater, nach dem Gebet, nach der Meditation kehrt er zurück zu seinen Jüngern, die sich auf dem See gegen Wind und Wetter abmühten.

 

Die Begegnung mit den Jüngern und vor allem die Szene mit Petrus zeigen, wie anders diese mit dem „Gegenwind“ umgingen. Sie versuchten, mit dem Einsatz all ihrer Kräfte und ihrer gewiss reichen Erfahrung als Fischer gegen den Sturm anzukämpfen. Genauso wie das jeder Mensch täte. Man kann sich doch dem Schicksal nicht einfach so überlassen. Jesus allerdings geht anders damit um. Man merkt ihm noch die innere Kraft an, die er durch den Rückzug auf den Berg, durch das Gebet gewonnen hat. Er scheint ein wenig über dem Geschehen zu stehen. Die Verbindung zu Gott lässt ihn einen gesunden Abstand vom Alltag erfahren, einen, der ihn nicht in Panik und Angst verfallen lässt, sondern in Gelassenheit und innerer Ruhe. Für einen kurzen Moment ist Petrus von dieser Kraft so fasziniert und angesteckt, dass er es Jesus nachmachen will und  kann. Doch sein Glaube lässt sich allzu leicht in Frage stellen, und er beginnt zu sinken. In seinem Schrei „Herr, rette mich!“ kommt schließlich zum Ausdruck, was ihn rettet, wenn es um das Letzte geht: Der Halt, den die Beziehung zu Gott geben kann.

So gesehen wurde diese Sturmnacht eine heilsame Erfahrung für die Jünger, vor allem für Petrus. Ohne Sturm und Gegenwind wären sie vermutlich auf der Stufe eines Schönwetterglaubens stehen geblieben, wie er sich nach der wunderbaren Brotvermehrung anbot.

 

Es ist schön und gut zu erleben, wie der Glaube Menschen bessert, heilt, Orientierung gibt, sättigt. So könnte man den Inhalt der Erzählung vom letzten Sonntag zusammenfassen. – Doch gibt der Glaube an Gott auch Halt, wenn es härter im Leben wird?

 

Die Geschichte vom Seesturm ist eine bildhafte Zusammenfassung des Schicksals Jesu und seiner Jünger. Auch ihm und ihnen allen ist letztendlich nicht erspart geblieben, was Johannes dem Täufer passiert ist. Was Jesus über die Wellen und Abgründe seines Lebens hinweg getragen hat, war seine Verbindung mit dem Vater. Schritt für Schritt hat er auch seine Jünger in diese innige Gottesbeziehung hineingeführt.

 

Was erwarten wir eigentlich vom Glauben? Dass er unsere Wunden heilt? Dass er uns geistige Orientierung gibt? Dass er uns geistliche Nahrung bietet? – Das alles kann er uns geben. Und dennoch bleiben uns existentielle Bedrohungen nicht erspart: Misserfolg, Verlust des Einkommens, des Arbeitsplatzes, eines nahen Menschen, das Zerbrechen von Beziehungen, Unfälle, unheilbare Krankheit… Diese werden zur großen Herausforderung des Glaubens. An ihnen kann der Glaube zerbrechen oder auch wachsen. An ihnen wachsen manche Menschen aber auch über sich hinaus.

 

Dazu fallen mir viele Begegnungen mit Menschen ein, die in ihrem Leben in diesem Sinn mit Stürmen und Gegenwind zu kämpfen hatten. Nach menschlichen Maßstäben haben viele von ihnen den Kampf verloren. Und dennoch sind viele an diesem ihren Schicksal als Menschen und als Glaubende gewachsen.

 

Was können wir tun? – Jesus zeigt uns, wie wichtig die innige Verbindung mit dem Vater ist. Sie gibt innere Ruhe und Kraft. Darüber hinaus ermuntert uns Jesus, wie Petrus das scheinbar sichere Boot zu verlassen und ganz auf Gott zu vertrauen. Wenn es um das Letzte geht, kann auch uns nur ein „Herr, rette uns!“ helfen. Zu dieser höchsten Reife des Glaubens will er uns hinführen. Wie so oft, kommen wir um eines nicht herum: das fast blinde Vertrauen auf den liebenden Gott.

 

 

 

Aus: Hans Küng, Was bleibt. Kerngedanken. Herausgegeben von hermann Häring und Stephan Schlensog. Piper Verlag, München Zürich 2013.

 

Nein, es ist nicht gleichgültig, ob man Ja oder Nein zu Gott sagt: Der Preis, den der Atheismus für sein Nein zahlt, ist offenkundig! Er setzt sich der Gefährdung durch eine letzte Grundlosigkeit, Haltlosigkeit, Ziellosigkeit aus: der möglichen Zwiespältigkeit, Sinnlosigkeit, Wertlosigkeit, Nichtigkeit der Wirklichkeit überhaupt. Der Atheist setzt sich, wenn er sich dessen bewußt wird, auch ganz persönlich der Gefährdung durch eine radikale Verlassenheit, Bedrohtheit und Verfallenheit aus mit allen Folgen des Zweifels, der Angst, ja der Verzweiflung. Dies alles natürlich nur, wenn Atheismus Ernstfall und nicht intellektuelle Attitüde, snobistische Koketterie, öd gedankenlose Oberflächlichkeit ist.

Für den Atheisten bleiben jene letzten und doch zugleich nächsten und durch kein Frageverbot zu verdrängenden »ewigen« Fragen des menschlichen Lebens unbeantwortet, die sich nicht nur an den Grenzen des Menschenlebens, sondern mitten im persönlichen und gesellschaftlichen Leben stellen. Um nochmals an die Fragen Kants anzuknüpfen:

Was können wir wissen? Warum gibt es überhaupt etwas? Warum ist nie nichts? Woher kommt der Mensch und wohin geht er? Warum ist die Welt, wie sie ist? Was ist der letzte Grund und Sinn aller Wirklichkeit?

Was sollen wir tun? Warum tun wir, was wir tun? Warum und wem sind wir letztlich verantwortlich? Was verdient schlechthinnige Verachtung, was Liebe? Was ist der Sinn von Treue und Freundschaft, aber auch der von Leid und Schuld? Was ist für den Menschen entscheidend?

Was dürfen wir hoffen? Wozu sind wir auf Erden? Was soll das Ganze? Gibt es etwas, was uns in aller Nichtigkeit trägt, was uns nie verzweifeln läßt? Ein Beständiges in allem Wandel, ein Unbedingtes in allem Bedingten? Ein Absolutes bei der überall erfahrenen Relativität? Was bleibt uns: der Tod, der am Ende alles sinnlos macht? Was soll uns Mut zum Leben und was Mut zum Sterben geben?

Wahrhaftig, all dies sind Fragen, die aufs Ganze gehen: Fragen nicht nur für Sterbende, sondern für Lebende. Nicht nur für Schwächlinge und Uniformierte, sondern gerade für Informierte und Engagierte. Nicht Ausflüchte vor dem Handeln, sondern Anreiz zum Handeln. All dies sind Fragen, die im Atheismus zutiefst unbeantwortet bleiben. Dagegen die These: Das Ja zu Gott bedeutet ein letztlich begründetes Grundvertrauen zur Wirklichkeit: Der Gottesglaube als das radikale Grundvertrauen vermag die Bedingung der Möglichkeit der fraglichen Wirklichkeit anzugeben. Wer Gott bejaht, weiß, warum er der Wirklichkeit vertrauen kann.

Der Gottesglaube lebt aus einem letztlich begründeten Grundvertrauen: Im Ja zu Gott entscheide ich mich vertrauensvoll für einen ersten Grund, tiefsten Halt, ein letztes Ziel der Wirklichkeit. Im Gottesglauben erweist sich mein Ja zur Wirklichkeit als letztlich begründet und konsequent: ein in der letzten Tiefe, im Grund der Gründe verankertes und auf das Ziel der Ziele gerichtetes Grundvertrauen. Mein Gott-Vertrauen als qualifiziertes, radikales Grundvertrauen vermag also die Bedingung der Möglichkeit der fraglichen Wirklichkeit anzugeben. Insofern zeigt es, anders als der Atheismus, eine radikale Rationalität, die freilich nicht einfach mit Rationalismus verwechselt werden darf.

Nein, es gibt kein Patt zwischen Gottesglauben und Atheismus! Der Preis, den der Gottesglaube für sein Ja erhält, ist offenkundig. Weil ich mich statt für das Grundlose für einen Urgrund, statt für das Haltlose für einen Urhalt, statt für das Ziellose für ein Urziel vertrauensvoll entscheide, vermag ich nun mit gutem Grund bei aller Zwiespältigkeit eine Einheit, bei aller Wertlosigkeit einen Wert, bei aller Sinnlosigkeit einen Sinn der Wirklichkeit von Welt und Mensch zu erkennen. Und bei aller Ungewißheit und Ungesichertheit, Verlassenheit und Ungeborgenheit, Bedrohtheit, Ver- fallenheit, Endlichkeit auch meines eigenen Daseins ist mir vom letzten Ursprung, Ursinn und Urwert her eine radikale Gewißheit, Geborgenheit und Beständigkeit geschenkt – geschenkt.