6. September, 23. Sonntag im Jahreskreis
Vermutlich ist es Ihnen schon öfters aufgefallen, z.B. wenn Sie jetzt in den Ferien in anderen kath. Kirchen zur Messe gegangen sind. Im Gegensatz zu St. Paulus wird dort am Ende des Vater Unsers noch ein Einschub vom Priester gebetet. Da heißt es dann:
„Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten.“ Um dann ins „Denn Dein ist das Reich“ überzugehen.
Seitdem ich Priester bin habe ich diesen Einschub immer weggelassen. Das fühlte sich 1986 modern an und im Sinne der Ökumene, weil das Vater Unser in der evangelischen Liturgie eben durchgebetet wird. Und so habe ich es dann auch seit 2008 in St. Paulus gehalten.
Zuletzt aber, wann immer ich es woanders gehört habe, war ich von der Schönheit und Aktualität des Gebetes ergriffen und bin zu dem Schluss gekommen, es ab sofort zu beten, vorausgesetzt es gibt keinen erheblichen Widerstand aus der Gemeinde dagegen. Der Beginn eines neuen Brüsseljahres scheint mir dafür ein guter Zeitpunkt.
Zwei Gründe sind es im Besonderen, die ich Ihnen heute gerne erläutern möchte:
Der eine ist ein eher formaler: In einer Welt, die im Moment immer mehr entlang von Partikularinteressen in Grüppchen zerfällt, die sich dann gegenseitig auch noch Steine in den Weg legen, erscheint es mir besonders wertvoll, wenn die Gemeinschaft unserer Kirche umso sichtbarer wird. Es ist von unschätzbarem Wert, dass ich in Tokio, Dar-es-Salam, Bogota, Altötting oder Belfast in jede kath. Kirche gehen und dort problemlos der Liturgie folgen kann. Ich muss dafür noch nicht einmal die jeweilige Nationalsprache sprechen können; wenn ich den Verlauf der Liturgie von zuhause kenne, dann kann ich mindestens innerlich mitbeten.
Nationale, ethnische und kulturelle Grenzen bestehen für uns nicht, wir sind alle Brüder und Schwestern. Weltjugendtage oder jede Generalaudienz in Rom machen das auf wunderbare Weise deutlich.
Gerade die Liturgie ist dafür ein guter Ausdruck und keine Spielwiese, auf der der jeweilige Vorsteher des Gottesdienstes seine persönlichen Vorlieben ausleben sollte. Wo katholisch draufsteht, sollte auch katholisch drin sein. Darauf sollte man sich verlassen können. Mit Musik, Fürbitten und Predigt gibt es ausreichend Platz, die jeweiligen lokalen Farben einzubringen; die zentralen Texte und Abläufe aber sollten überall gleich sein. 40 Jahre habe ich gebraucht, das einzusehen, aber nun würde ich es auch in St. Paulus gerne so halten.
Der andere Grund ist mir aber noch viel wichtiger- und das ist ein inhaltlicher: Das Gebet spricht doch gegenwärtig mehr oder weniger jedem aus dem Herzen. Hören wir es noch einmal:
Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten.
Jeder Teilabschnitt könnte eine eigene Fürbitte sein. Gehen wir sie doch einmal durch:
In einer Zeit von steigenden Spannungen, die sicherlich nicht einfach wieder so verschwinden, weil die zugrunde liegenden Interessenkonflikte so groß sind, tut es gut um Erlösung von allem Bösen und um Frieden zu bitten.
Der fällt durch diese Bitte nicht einfach vom Himmel, aber sie erinnert uns daran, dass es eine ganz wichtige Voraussetzung für den äußeren Frieden gibt: den inneren Frieden.
Natürlich weiß ich, dass auch die Kirche in der Geschichte immer wieder für Konflikte und Kriege verantwortlich war. Wer sich aber wirklich und echt auf Jesus Christus einlässt, seine Grundgebote der Nächsten- und Gottesliebe verinnerlicht hat, kann zu einer Person reifen, für die Hass und Krieg nie die Mittel der Wahl sind. Selbst der nachvollziehbare Verteidigungskrieg der Ukraine lässt einen erschauern ob der Opfer und Schäden, die diese mehr als vier Jahre nun gefordert haben. Und wenn dann in diesen Tagen darüber diskutiert wird, ob der hybride Krieg mit Russland nicht schon in einen echten Krieg übergegangen ist oder nicht, bekommt die Bitte um Frieden noch einmal ein größeres Gewicht. Sie ist nahezu Pflicht, verbunden mit der Auflage für jeden Christen, seinen inneren Frieden zu suchen und zu fördern. Sich zu öffnen für diesen Gott der Versöhnung und Vergebung. Und auf diese Weise dazu beizutragen, dass die Emotionen von Wut, Zorn und Hass nicht die Überhand gewinnen.
Komm uns zu Hilfe mit Deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde– so geht es dann weiter.
Verwirrung- das ist das Wort, was mir oft in den Sinn kommt, wenn ich die Debatten der Gegenwart verfolge. Ob heute in Sachsen-Anhalt, ob im Trumpschen Amerika, in den Kommentarspalten jedes beliebigen Netzwerkes: Verwirrung ist noch das freundlichste Wort, das den Zustand der Diskussionen umschreibt.
Nicht umsonst wird der Teufel Diavolo genannt. Das Wort kommt aus dem Griechischen und heißt so viel wie Hin- und Herwerfen, Durcheinanderbringen.
Man weiß gar nicht mehr, wo man steht, es schwirren einem die Gedanken nur so durch den Kopf, dass man in der Gefahr schwebt, den Boden unter den Füßen zu verlieren. „Gott bewahre“ kann man da nur rufen. Hilf mir klar zu sehen, hilf mir das Wahre und Gute vom Falschen und Bösen zu unterscheiden.
Damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Herrn Jesus Christus erwarten.
Christen erwarten nicht das dicke Ende, nicht den Weltuntergang, keinen Doomsday, sondern sie erwarten das Kommen Jesu Christi. Das ist ein großer Unterschied. Wenn uns auch die Bilder der Offenbarung- dem letzten Buch der Bibel- Szenen vor Augen stellen, in denen die Welt dramatisch untergeht, wir in unserer Phantasie Jesus auf den Wolken herabkommend sehen, dazu mit Pauken und Trompeten und auf Himmelswagen sitzenden Erzengeln, so wissen wir doch, dass es eben genau das sind: Bilder. Bilder, die uns vermitteln wollen, dass die Schöpfung Gottes, GOTTES Schöpfung ist, in seinen Händen ist und bleibt und er sie zum Guten wenden wird. Das entbindet uns nicht davon, die sich am Horizont abbildenden Gefahren für unsere Welt ernstzunehmen und zu versuchen, sie möglichst abzuwenden. Aber wir tun das nicht aus dem Geist der Verzweiflung, des Zynismus und schwarzen Humors, sondern aus dem Geist der Zuversicht, wie es in dem Gebet heißt!
Man weiß nicht genau, wann dieser Zusatz zum Vater Unser eingefügt wurde, man vermutet allerdings, dass es zu Zeiten
Papst Leos des Großen (440–461) geschah. In den Wirren der Völkerwanderung und bei der Plünderung Roms durch die Vandalen herrschten Unfriede und Krieg. Und es scheint plausibel zu sein, dass man aus diesem Anlass die letzte Bitte des Vater Unsers „Und erlöse uns von den Bösen“ erweiterte und damit ausführte, was sie meinten.
Damals nachvollziehbar, heute genauso.
Ich hoffe, Sie gehen als Gemeinde den Weg mit- auf dass wir voll Zuversicht das Kommen unseres Herrn Jesus Christus erwarten.
