31. August 22. Sonntag im Jahreskreis
Zurück aus den Ferien steigt so langsam die Spannung.
In der Regel bin ich ja in der letzten Augustwoche mit den Firmanden im Kloster von Meschede- da diese Vorbereitungswoche in diesem Jahr aber ausnahmsweise im Oktober stattfinden wird, war ich also dieses Mal hier.
Und es fühlte sich an als würde man an einem Fluss sitzend dem langsam steigenden Pegel zusehen: Morgens sehe ich vom Wohnzimmerfenster aus wegen der schon wieder geöffneten belgischen Schulen eifrige Eltern auf Lastenrädern oder in ihren SUVs die lieben Kleinen an den Schultoren absetzen;
in Outlook beginnt die Nachrichtenzahl mit jedem Tag zu steigen;
wenn nicht vor den Ferien schon geschehen, werden nun eifrig Termine für den September gemacht;
in der Stadt sieht man wieder mehr Menschen,
rund um das Berlaymont wird es wieder munter – und das nicht nur wegen der wieder aufgenommenen Bauarbeiten am Pl. Schuman.
Es geht wieder los- und wir alle können uns noch so bemühen, ein wenig vom entspannteren Geist der Ferien in den Werkalltag hinüberzuretten- doch wie in jedem Jahr bleibt das voraussichtlich auch dieses Mal wieder vergebliche Liebesmüh.
So ist das eben.
Zum wiedereinkehrenden Alltag gehört aber noch etwas: Die Messen in St. Paulus werden wieder voller und auch im Gemeindehaus steigt die Anzahl der Veranstaltungen auf das normale Maß an. Gott sei Dank. Nicht weil es sonst hier zu langweilig wäre, sondern, weil ich wirklich dankbar dafür bin, dass immer noch eine erkleckliche Zahl von Menschen ihren Alltag am Sonntag oder für eine Veranstaltung in der Woche unterbrechen will. Sie könnten sonntags ja auch vieles anderes machen. Die Vielzahl von Möglichkeiten muss ich gar nicht benennen.
Aber Sie sitzen hier- und das ist auch gut so.
Nicht weil mir das meinen Arbeitsplatz erhält, sondern weil wir gemeinsam immer wieder herausgefordert, in Frage gestellt, aber auch ermutigt und gestärkt werden- so hoffe ich jedenfalls.
Zusammen hören wir Geschichten wie die eben im Evangelium erzählte von der ersten und den letzten Plätzen bei einem Gastmahl.
Wenn wir ab morgen wieder in unseren Berufsalltag einsteigen, steigen wir ja auch wieder in die normalen Verhaltensmuster und -weisen ein. Dazu gehört auch, wieder in die vorgegebene Hierarchie einzutauchen, die in der jeweiligen Generaldirektion herrscht, in der Arbeit bei einer der Parlamentsfraktionen, in den Dolmetscherteams oder im Ausschuss der Regionen. Bei den Empfängen werden wir uns wieder unseren üblichen Bekannten- und Hierarchiekreisen zuordnen – und das alles für völlig normal halten.
Gut, wenn dieses Normal ab und an durch eine biblische Geschichte infrage gestellt wird.
Das von Lukas beschriebene Gastmahl ist ja ein herrliches Bild, das unsere gewöhnlichen Veranstaltungsmuster hinterfragt, bei denen selbstverständlich die höheren Ebenen auf den Ehrenplatz gesetzt werden, die nachgeordneten auf den Nebenplätzen und die, die nicht ins Bild passen und wegen ihres sozialen Status nicht dazugehören, erst gar nicht eingeladen werden.
Lukas- und mit ihm Jesus zeigt das als Ungerechtigkeit auf. Menschen werden nach ihren äußeren Insignien einsortiert und nicht nach dem, was sie in den Augen des Glaubens sind: Abbilder Gottes, deren Menschsein als Qualifikation ausreicht.
Nun kann man mit Recht einwerfen, dass die vielen Festmahle, Empfänge und Veranstaltungen bei denen wir eingeladen sind, nicht von Christen für Christen veranstaltet werden – und somit die jesuanischen Regeln dafür nicht gelten.
Abgesehen davon, dass es auch bei kirchlichen Veranstaltungen Einsortierungen nach Hierarchieebenen gibt, bleibt aber eines wichtig: Nämlich das aufgezeichnete Verhalten nicht für selbstverständlich und für selbstverständlich richtig zu halten.
Jesus weist uns heute darauf hin, dass wir als Christen diejenigen im Blick halten müssen, die in unseren Kreisen eben nicht dazugehören.
Auch wenn aus den USA kommend, sich in manchen Köpfen der Gedanke festsetzt, dass Nächstenliebe teilbar ist, so bleibt es trotzdem unchristlich. Nächstenliebe, das Bemühen um die Armen und Benachteiligten, für die auf den letzten Plätzen Sitzenden ist nicht teilbar nach Nationalität oder Stellung. Nur weil mir andere Europäer näherstehen darf ich zumindest als Christ dem hungernden Südsudanesen beispielsweise nicht weniger Nächstenliebe entgegenbringen.
Niemand sagt, dass der christliche Glaube in jeder Hinsicht einfach zu leben ist; er ist es aber wert hochgehalten und lebendig erhalten zu bleiben. Denn er ist ein notwendiges Korrektiv dafür, dass unsere Gesellschaften nicht wieder völlig in das Recht des Stärkeren herabsinken.
Die allermeisten von uns gehören nicht zu den Benachteiligten, weswegen diese Aussagen Jesu manchem als Belastung erscheinen mögen: Es wäre doch viel einfacher, sich um uns selbst zu kümmern und die anderen möglichst draußen vorzulassen.
Aber vielleicht sind wir irgendwann doch einmal auf der anderen Seite des Zauns- und sehnen uns nach Mitleid, Barmherzigkeit, ein offenes Ohr oder einer entgegengestreckten Hand. Dann erst würde das Erlösende der Botschaft dieser Geschichte aus dem Lukasevangelium auch für uns erfahrbar: Du bist geliebt, Du bist anerkannt, Du verdienst denselben Respekt wie jeder andere Mensch- nicht weil Du dies und jenes geleistet hast, nicht, weil Du Dich hochgearbeitet hast, sondern weil Du als Mensch Abbild Gottes bist. Menschsein reicht, um
-unter Christen zumindest- menschlich behandelt zu werden.
Auch wenn die allermeisten von uns derzeit nicht in einer solchen Situation sind, muss man sich doch nur einmal vorstellen wie grauenvoll eine Welt wäre, in der nur noch nach Leistung und Ansehen gerichtet, ein – und aussortiert würde.
Wie erlösend es ist, wenn dann das Wort Jesu als Korrektiv aufscheint und uns daran erinnert, dass wir auch eine andere Welt bauen können, eine menschlichere, eine göttlichere. Das erscheint manchmal sehr schwer, aber nicht unmöglich. Umso wichtiger, immer wieder daran erinnert zu werden. Wie leicht würden wir es sonst vergessen.
Was wir also immer wieder neu lernen müssen, ist im Alltag die christlichen Grundsätze nicht aus den Augen zu verlieren, wir müssen lernen, nicht zwischen beruflichen und persönlichen Lebensgewohnheiten auf der einen Seite und den Glaubenslehren auf der anderen Seite zu unterscheiden. Für einen Christen gehören die zusammen.
Wie setzt man das aber um? Nun, ich bin sicher, dass sich dabei Regeln festsetzen lassen, die jeder in seinem Alltag einbauen könnte.
Man muss den Tag ja nicht unbedingt immer mit dem Studieren des neuesten Politiconewsletters beginnen, man könnte stattdessen auch das Tagesevangelium lesen und in einem Moment der Stille bedenken.
Man könnte abends im Bett das Handy auch auf Flugmodus stellen und stattdessen eine kurze Tagesreflexion halten, Gewissenserforschung nannte man das mal, um den eigenen Alltag mit den Lehren Christi abzugleichen.
Man könnte-
ich kann es nur empfehlen.
Und zwar nicht, weil Gott das will oder Jesus uns dazu auffordert, sondern vor allem deswegen, weil es mir guttäte- und damit auch dem morgen wieder beginnendem Alltag.
