30. August, 22. Sonntag im Jahreskreis
Mt. 16,21-27
Zurück aus den Ferien würde ich Ihnen gerne etwas Frohes zur Begrüßung sagen, aber dafür ist das heutige Evgl. zumindest auf den ersten Blick nicht geeignet.
Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.
Das klingt wie das genaue Gegenteil von dem, was wir landläufig unter gelungenem Leben verstehen: Meine Chancen nutzen, mich verwirklichen, aus mir was machen- das ist das, was für uns gelungenes Leben bedeutet: „Sich selbst verleugnen“ wird bei niemandem auf dem Zettel stehen. Und dann auch noch das Kreuz auf sich nehmen und ihm folgen? Nein, Kreuz vermeiden, anderen auflasten oder ignorieren- so würden wir das angehen! Und Jesus nachfolgen kann man dann ja immer noch- aber zu unseren Konditionen, nicht zu seinen.
Und von dieser unserer Verhaltensweise wird dann auch noch die Konsequenz beschrieben, die da heißt: Du wirst Dein Leben verlieren…
Was also sollen wir mit solch einem Evangelium tun? Weiterblättern oder das Leben ändern? Auch wenn das die weitaus schwierigere Variante ist, bin ich für die zweite Position, auch weil es vielleicht Wege eröffnet mit den gegenwärtigen Problemen, die vielen von uns aufs Gemüt schlagen, umzugehen.
Es ist ja inzwischen Konsens, dass unsere Welt mal wieder an einem größeren Wendepunkt steht. Offenbar wankt unser Gesellschaftssystem, der Konsens darüber wie wir miteinander leben wollen, wackelt und offenbar sind mehr und mehr Menschen mit unserer vorgegebenen Lebensweise überfordert, ebenso wie unser Planet mit unserer dies ist.
Viele Menschen haben das Gefühl vor Herausforderungen zu stehen, die es bisher nicht gab oder die es bisher für sie so nicht gab.
Auf dieser Folie möchte ich einen der heutigen Sätze Jesu noch einmal einblenden:
Wer sein Leben retten will, wird es verlieren.
Könnte die heutige Situation eine späte Bestätigung dessen sein, was Jesus dort sagt? Könnte die heutige Situation eine Folge davon sein, dass wir ständig versucht haben unser Leben zu retten sozusagen?
Hat Jesus recht, wenn er sagt: Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber dabei sein Leben einbüßt?
Offenbar ist es wohl so. Wir büßen offenbar mit unserem gegenwärtigen Lebensstil unser Leben, unsere Lebensmöglichkeiten ein.
Wir werden um die Erkenntnis nicht herumkommen, dass unsere Art zu leben auf tönernen Füßen steht, dass das Fundament nicht mehr hält.
Unsere Gier nach immer mehr, unsere Eitelkeit, unser Drang, uns selbst in Szene zu setzen, unser Wille, UNSER Leben zu leben, unser Hochmut, unsere Selbstverliebtheit- all das führen eben nicht in das WIRKLICHE Leben.
In der vergangenen Woche waren wir mit einem Team ja wieder mit einer Gruppe von 30 Jugendlichen zur Firmvorbereitung in Meschede. In einigen Gesprächen schienen die Sorgen auch der jungen Leute um IHRE Zukunft durch, eine Zukunft, die ihnen möglicherweise von den älteren Generationen verbaut oder verdorben wird, dadurch, dass diese zwar viel aufgebaut, aber eben auch zu viel verbraucht haben. Ein Verhalten, das unseren Planeten so zu beeinträchtigen droht, dass die Zukunft der jungen Leute nicht mehr unbedingt aus immer mehr und immer besser bestehen könnte. Und sie befassen sich mit Lösungen, die uns Alten und Älteren utopisch oder unrealistisch erscheinen, oft aber nur aus der Angst vor Veränderung abgelehnt werden.
Die Suche nach Alternativen schien bei manchen Jugendlichen ziemlich deutlich durch.
Natürlich sind junge Menschen von Natur aus Optimisten- Gott sei Dank- aber manche von ihnen spüren genau, dass Änderungen auf sie zukommen werden, die ganz schön hart sein könnten. Und dass sie manches verändern müssen, indem sie von anderen Werten bestimmen lassen als denen, die ihnen bisher beigebracht wurden.
Sie kennen die Verlockungen unserer bisherigen Lebensweise- einer Lebensweise, die man religiös betrachtet, eine Lebensweise ohne Gott nennen könnte- und wir alle sehen allzu deutlich wohin diese Lebensweise unsere Welt gerade führt.
Das Grundübel unserer gegenwärtigen Art zu leben ist doch, zu meinen, dass wir alles aus uns heraus begründen können. Wir suchten den Sinn des Lebens in der Selbstverwirklichung- und was fanden wir? Die Leere in uns selbst. Wir suchten das Glück im Beruf, im Streben nach Mehr und nach Größerem- und was geschah? Wir wurden konfrontiert mit Ellenbogengesellschaft, mit Habgier und dem Motto so vieler über Leichen zu gehen, um ihr Ziel zu erreichen.
Wir suchten unseren Frieden in immer mehr Unterhaltung, im Streben nach möglichst langer Fitness, in der Lust an gutem Essen, in der Gier nach Leben und Liebe. Was fanden wir? Nur den Wunsch nach immer mehr davon und damit immer noch keinen wirklichen Frieden.
Jugendliche, in vielen Teilen der Welt spüren, dass da etwas nicht stimmt. Sie haben nämlich ein noch sehr sensibles Gespür für die Ungerechtigkeiten, an die wir Ältere uns schon gewöhnt haben, auch weil wir sie selbst teilweise mit verursacht haben.
Manche dieser Jugendlichen halten uns den Spiegel vor Augen- einen Spiegel, in dem wir – wenn wir es wagten hineinzuschauen- genau sehen könnten, wohin uns unsere selbstgerechte Art zu leben geführt hat.
Wir drohen unser Leben zu verlieren, nicht zu gewinnen.
Mit dem Evangelium könnte man formulieren: Wir haben leider viel zu oft das im Sinn, was die Menschen wollen, was WIR wollen und nicht das, was Gott will.
Wir haben gehört, was Jesus dem Petrus, also uns den Menschen darauf antwortet: Weg mit dir Satan, geh mir aus den Augen.
Liebe Gemeinde, ich werde Gott hoffentlich immer als den verkünden, den Jesus uns vorgestellt hat- als den Gott der Liebe. Aber das bedeutet eben nicht, dass alles immer nett und schön ist.
Es entbindet uns nicht davon, darauf hinzuweisen, wohin eine Lebensweise führt, die eben NICHT von diesem Gott der Liebe getragen ist.
Auch das heutige Evangelium bleibt eine frohe Botschaft- für den, der bereit ist, sich und seine Lebensweise in Frage stellen zu lassen. Es bleibt eine frohe Botschaft für den, der bereit ist, sein Leben nach den Werten des Evangeliums auszurichten, denn- um noch einmal Jesus zu zitieren- wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.
