3. Fastensonntag, 8. März
Predigtext: Ex 17,1-7
Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?
Das war der letzte Satz der ersten Lesung heute und die Frage, die sich die aus Ägypten emigrierten Israeliten stellten.
Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?
Sie waren schon 40 Jahre unterwegs- so hieß es im vorherigen Kapitel und waren dabei vor allem durch Wüste gezogen.
Die Zahl 40 stand im nahöstlichen Kulturraum u.a. für Prüfung, für Bewährung und für Initiation. Dementsprechend liest der kundige Leser diese Begriffe gleich mit, wenn er von der 40-jährigen Wanderung Israels hört. Es war also eine Zeit der Prüfung, die- das ist schon die erste Frage- von Gott geschickt wurde? Der Text formuliert es so: „Wozu hast Du uns überhaupt aus Ägypten herausgeführt, nur um mich und meine Söhne – die Töchter muss man sich leider wieder einmal nur mitdenken- vor Durst umkommen zu lassen?“
Die große uralte Frage: Wozu? Warum geht der Lebensweg so oft durch Wüste? Warum hat man manchmal das Gefühl nie anzukommen, eher zu verdursten als satt und zufrieden sein Leben führen zu können?
Warum müssen wir das Leben mit Sorgen um die Zukunft verbringen? Warum stoßen uns manchmal Dinge zu, die uns den Atem rauben, uns über allen mühsam aufgebauten Sinn des Lebens zweifeln lassen? Warum?
Man muss es gar nicht weiter übersetzen. Mit diesen Fragen sind wir schon in der Gegenwart angekommen. In jede Gegenwart im Übrigen. Die Geschichte aus dem Buch Exodus mag alt sein, über 2.500 Jahre alt, aber die Fragen hat man sich immer gestellt, ob damals, ob heute, ob im Mittelalter, während des 30-jährigen Krieges, zur Frz. Revolution, in den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts und natürlich genauso heute.
Wozu hast Du uns in die Wüste geführt? Wir sehen kein Grün am Horizont, keine Hoffnung, wir drohen hier umzukommen.
Die Frage wird dem Moses gestellt, aber er hatte sie ja auf die ausdrückliche Aufforderung Gottes, das Land der Unterdrücker zu verlassen, um in Freiheit leben zu können, hinausgeführt.
Die Frage geht also eigentlich an Gott. Wozu Gott? Wozu das ganze neue Elend nun im Nahen Osten, wozu immer noch in der Ukraine; oder wozu wird eine Familie durch einen Unfall so grauenvoll auseinandergerissen? Wozu elendig lange und schmerzvolle Krankheiten? Wozu?
Und Moses – so hieß es- schrie zu Gott: Was soll ich mit diesem Volk anfangen? Was soll ich machen also? Was soll ich ihnen antworten auf ihre Fragen?
Er selbst hatte keinerlei Zweifel, aber, auch das stand da so: es fehlt nur wenig und sie werden mich steinigen, umbringen also.
Die Zweifel drohen uns umzubringen. Wir sind in der Gefahr, uns darin zu verlieren, unsere Ausrichtung, unser Fundament droht zu zerbröseln und wir können nur noch die unmittelbare Gefahr des Untergangs wahrnehmen.
Alle viel beschworenen Lieder, Gebete und Überzeugungen vom Vertrauen auf Gott sind dahin. Es zählt nur: Hilfe, wir gehen unter. Tu was, jetzt!
Die Antwort Gottes ist unmittelbar. Nicht an das Volk! An Moses. Geh am Volk vorbei, nimm ein paar Älteste mit. Dort drüben am Horeb werde ich vor dir stehen. Dann schlag an den Felsen und Wasser wird herauskommen und das Volk kann trinken.
Ein wenig rätselhaft, aber versuchen wir es zu entschlüsseln:
Geh am Volk vorbei, überhole sie, bleibe vorausschauend, bewahre klaren Kopf. Bleibe ihnen ein Vorbild, verstricke Dich nicht in den Ängsten und Kämpfen des Volkes, lass Dich weiter von mir führen, damit sie den Weg zum Wasser finden. Es ist eine Weisung an Moses und die Ältesten, die er mitnehmen soll.
Wir brauchen Vorbilder, Menschen tiefen Vertrauens in Gott, die uns vorausgehen, den Weg weisen. Das ist eine Weisung an die, die uns im Glauben führen, an die Bischöfe und alle, die in unseren Kirchen beauftragt sind, den Glauben zu verkünden. Meine Jobbeschreibung ist:
Mach den Leuten Mut, teile nicht ihre Zweifel, denn damit verstärkst Du sie nur, gehe an den Zweifeln vorüber und sei ein Vorbild des Glaubens.
Als Pfarrer hat man viele Aufgaben und genauso als Kirchengemeinderat: Wir sind aber, um im Bild zu bleiben, die Ältesten, die dem Volk den Weg zur Wasserstelle zu zeigen haben. Das ist unser Job.
Ich freue mich, dass sich auch dieses Mal wieder Menschen gefunden haben, die sich in den Gemeinderat wählen lassen müssen.
Und wie schön, dass uns die Lesungen vom Tag heute diesen Hinweis mitgeben:
Ihr könnt alle möglichen Aktivitäten planen, Ihr könnt tun und machen, was Euch so einfällt, um das kirchliche Leben in St. Paulus voranzubringen. Aber es muss unter dem Gesamtmotto stehen: Mut machen. Den Durst nach Sinn und auf Hoffnung zu löschen.
Bekanntlich zieht sich EINE Aufforderung ständig und immer wieder durch die Bibel- wie ein roter Faden: Habt keine Angst!
Das gilt immer, aber vor allem dann, wenn wir durch Wüstenzeiten gehen. Habt keine Angst, keine Panik bitte.
Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass aus dem harten Felsen des Lebens immer wieder Wasser fließen wird.
Das Volk in der biblischen Geschichte weiß nicht WO das passieren wird, nicht wie. Aber es darf hoffen, DASS es geschehen wird.
Das Leben geht ja immer weiter, Tag für Tag entwickelt sich anderes, neues, auch überraschendes. Manchmal tut sich an einer Stelle eine Quelle auf, mit der man gar nicht gerechnet hat. Das kann eine Begegnung sein, ein gutes Gespräch, eine überraschende Wendung oder eine Erkenntnis, die man dem Gang durch die Wüste verdankt.
Die heutige Geschichte ist eine Mutmachgeschichte. Hinter der Ecke, am vermeintlich harten, strohtrockenen Felsen tut sich eine Quelle auf.
Das kann im Angesicht von menschlichem Leid zynisch klingen, es kann schrecklich naiv wirken.
Ich will mich aber von den Ängsten, Nachrichten und auf uns einströmenden Untergangsszenarien nicht so hinreißen lassen, dass ich selbst in den Ängsten und eben diesen Szenarien unterzugehen drohe. Ich will daran vorbeigehen, wie es Gott dem Moses anrät. Geh daran vorbei, ich zeige Dir, wo Du im trockenen Felsen Wasser findest. Quellen werden sich Dir eröffnen.
Wir brauchen diese Geschichten. Im Moment umso dringlicher.
Sie erhalten in uns die Hoffnung wach, dass es ein Ende der Wüste geben wird. Sie mag zwar manchmal gefühlt bis zum Horizont reichen, aber geht weiter, sie endet.
Moses vertraut darauf und geht immer weiter und nimmt das Volk mit.
Ich finde immer wieder anrührend, dass in einem späteren Kapitel beschrieben wird, wie Moses zwar das Gelobte Land aus der Ferne zu sehen bekommt, eine Ahnung erhält, dort selbst aber nie ankommt. Er stirbt zuvor. Aber er stirbt mit dem Blick auf das Gelobte Land. Die Perspektive ist das Entscheidende, das, was ihn befähigte, den Weg durch die Wüste zu bestehen.
Für ihn blieb die Antwort auf die eine Frage immer klar und deutlich: Ja, der Herr ist in unserer Mitte. Ja, ganz sicher.
