27. September, 26. Sonntag im Jahreskreis

Mt. 21,28-32

 

Sie kennen das vermutlich auch: vielleicht sogar aus der eigenen Familie: Kinder entwickeln sich manchmal erstaunlich unterschiedlich, obwohl sie Geschwister sind: die eine extrovertiert, der andere introvertiert, der Kleine ein Natur- und Tierfreund, die Große hat erstaunlicherweise ein Faible für Technik, die Ältere ist religiös interessiert, der Mittleren ist das völlig gleichgültig.

 

Es kommt jedenfalls öfter vor als man denkt; natürlich auch in Nuancierungen.

 

In der Geschichte, die wir gerade im Evangelium gehört haben, geht es um zwei Brüder und deren Vater, also auch um Familienerfahrungen. Es sind Erfahrungen, die GOTT mit uns macht.

Man könnte die Geschichte als eine Erzählung deuten, in der Jesus sagen möchte, wer ein guter und wer ein schlechter Christ ist. Das wäre aber zu kurz gedacht. Es geht vielmehr um unsere eigene Beziehung zu Gott.

Wichtig ist dabei, nicht zu vergessen, WEM Jesus diese Geschichte erzählt hat: den Hohenpriestern und Ältesten. Denen also, die hauptamtlich religiös waren, den Pfarrern, Pastoralreferenten und Diakonen von damals. Denen also, für die nichts anderes in Frage kam, als Ja zu Gott zu sagen.  Letztendlich aber eine Geschichte, die uns allen erzählt wird, die wir hier sitzen, weil wir einmal zu Gott ja gesagt haben.

 

Ja-Sager sind wir spätestens seitdem Sie z.B. Ihre Kinder zur Taufe gebracht haben. Da lautet die Frage, ob Sie sich bereit erklären, Ihr Kind im Glauben zu erziehen? Und die Antwort lautet: Ja.

 

Ihr Kinder wurdet oder werdet am Tag der Erstkommunion gefragt, ob Ihr zum Glauben an Gott steht- und alle antworten ganz selbstverständlich „Ja“.

 

Bei der Trauung werden die Brautleute gefragt: „Seid ihr beide bereit, als christliche Eheleute Mitverantwortung in der Kirche und in der Welt zu übernehmen?“ – und wiederum lautet die Antwort: Ja.

 

Wir Priester werden bei der Weihe gefragt, ob wir den Dienst treu ausführen wollen, das Stundengebet für die Welt beten möchten, den Armen zur Seite stehen wollen und um des Gottesreiches willen auf die Ehe verzichten möchten. Wir sagen: Ich bin bereit. Auch das ein Ja also.

 

Wir beten das Vater Unser hier und woanders, auch mit der Bitte: Dein Wille geschehe und enden mit dem Amen, was auch nichts anderes heißt als Ja zu Gott zu sagen.

 

Die große Frage ist, ob dieses Amen, alle gesprochenen Jas durch unser LEBEN bestätigt werden, eingelöst werden?!

 

Damals jedenfalls hat Jesus den Ja-Sagern prophezeit, dass Zöllner und Huren eher in das Reich Gottes gelangen als sie.  Dazu gehörte ziemlich viel Mut. Stellen Sie sich nur bitte mal vor, ich würde heute so etwas zu uns Kirchgängern sagen. Die Reaktion kann ich mir gut ausmalen: Was, die Betrüger und Seelenverkäufer und womöglich noch viel Schlimmere kommen ins Reich Gottes und ich harmloser und treuer Kirchgänger nicht?! Ich bekenne mich doch zu Gott, was in dieser Gesellschaft nun wirklich nicht immer einfach ist- und andere werden bevorzugt?

So würden wir es vermutlich nicht aussprechen, aber unserer Gefühlslage entsprächen diese Sätze schon.

 

Nun, wie so oft ist auch dieses Gleichnis eben, was es ist: ein Gleichnis, hinter dessen Kulisse ich erst einmal genauer nachschauen muss. Es ist sicher nicht aufgeschrieben worden, um ein endgültiges Urteil Jesu über die Ja- und Neinsager auszusprechen. So wie sich unsere Worte verändern können, können sich auch unsere Taten verändern.

Darüber hinaus gibt es ja nicht nur die zwei Möglichkeiten: ja sagen und doch anders handeln, oder nein sagen und dann doch den Willen zu tun.

Jesus selbst hat doch einen dritten Weg gezeigt, einen, bei dem man zu sich selbst stehen kann und doch dem Willen Gottes entspricht.  Das ist ein Weg, der frei ist von Misstrauen, ein Weg frei ohne Angst vor Gott.

Geben wir es doch  zu: auch wenn wir noch so aufgeklärt sind und unser Verstand diesen Gedanken ablehnen würde: Manches Ja zu Gott entspringt auch der  Angst. Wir wollen Gott als eine Art Lebensversicherung bei der Stange halten.

Würde er etwa seine schützende Hand von mir zurückziehen, wenn ich nein sagte, obwohl ich es gerne täte?

Oder bestraft er mich sogar für mein Nein?

Oft genug steckt die Vermutung in uns, dass Gott rigoros auf unserem Gehorsam besteht, egal ob es uns passt oder nicht. Diese Botschaft kennen wir nicht nur von manchen Kirchenoberen gegenüber dem sogenannten Kirchenvolk, sondern auch von Eltern gegenüber ihren Kindern. Dann sind Unterdrückung und Anpassung das Ergebnis.

 

Jesus jedenfalls schildert uns keinen rigorosen Gott, sondern einen, der warten kann, bis wir zu einem ehrlichen, überzeugten Ja fähig sind. Ein solches Ja ist aber nur möglich, wenn wir Gott angstfrei und ohne Misstrauen begegnen können.

Doch oft ist es gar nicht so einfach, Angst und Misstrauen loszuwerden. Gefühle lassen sich nicht so eben mal unterdrücken oder verwandeln.

Ich kann aber Gefühle wachsen lassen, andere, gute, die die alten dann irgendwann überlagern.

Die vergiftenden Gefühle kommen oft vom Hören dessen, was andere über Gott sagen. Gesünder ist es, selbst die Begegnung mit Gott zu suchen und mit ihm vertraut zu werden. Das war der  Weg Jesu. Immer wieder hat er das Gespräch mit seinem Vater im Himmel gesucht. So ist er in eine innige Vertrautheit mit ihm hineingewachsen, bis für ihn klar war: Den Willen des Vaters zu tun ist keine Belastung, sondern stärkende Kraft für das Leben.

 

Ja sagen, aber ohne Angst.

 

Da oben -oder wo auch immer- sitzt kein ungerechter, jähzorniger, ignoranter Diktatorentyp, sondern, nach Jesus, ein zugewandter, ein fürsorglicher Vater-Gott.

Es gehört Reife dazu, nicht aus Angst ihm gegenüber zu handeln und zu entscheiden, sondern aus freien Stücken, aus Überzeugung, aus Zuneigung. Dazu ist ein längerer, ein intensiver Weg des Gespräches mit diesem Gott notwendig. Aber ein Weg der sich lohnt hin zu einer Gottesbeziehung, die trägt. Daraus erwächst dann ein Ja, das wirklich ein Ja ist, Ausdruck für eine freie Zustimmung ohne Verbiegung, ohne Zwang, ohne Angst, weil es jemandem gegenüber gesprochen wurde, dem ich auch ein Nein sagen dürfte.

 

Erst mit der freien Möglichkeit zum Nein, wird aus einem gesprochenen Ja ein echtes Ja.