25. Januar 3. Sonntag im Jahreskreis

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum genau die Leute diesem Jesus nachgefolgt sind? Warum sie alles stehen und liegen ließen oder gar die Familie verließen, um diesem Wanderprediger hinterherzulaufen?

Und das in einer Zeit, in der man keinen Arbeitslosen-, Kranken- oder Berufsunfähigkeitsschutz hatte?

 

Alles hinschmeißen, das bisherige hinter sich lassen und neu beginnen- davon träumt so mancher zwar immer mal wieder, aber es dann tun- und dann auch noch für einen Dahergelaufenen, von dem man nur wusste, dass er ein paar unwahrscheinliche Dinge, sogenannte Wunder, bewirkt und Leute mit seinen Reden beeindruckt hatte? Warum?

 

Nun, die Antworten sind aus vielen Predigten bekannt: Jesus faszinierte als Sohn Gottes. In ihm wirkte der Hl. Geist, der ihn so anziehend machte, dass die Menschen im vertrauten. Jemandem, der authentisch lebte, völlig erfüllt von seiner Beziehung zu seinem Vater im Himmel war und deswegen unglaublich anziehend.

 

Die für mich viel faszinierendere Frage ist: Warum laufen wir überhaupt Anderen hinterher? Oder frommer gesprochen: Warum folgen wir jemandem nach?

Das ist doch das eigentlich spannende: Warum schließen wir uns jemandem an?

Dafür muss der noch nicht einmal Wunder tun,  Kranke heilen oder sich Sohn Gottes nennen.

Manchmal reicht es, wenn er einen unnatürlich orangenen Teint und blond gefärbte Haare hat, Island und Grönland verwechselt, wie ein Pubertierender im Körper eines alten Mannes auftritt und sich pöbelnd und krawallig von Mikrofon zu Mikrofon hangelt.

Oder in anderen noch dunkleren Zeiten, einen merkwürdig schmalen Oberlippenbart, eine Vorliebe für Massenveranstaltungen bei Marschmusik und einen tödlich pathologischen Hass gegenüber einer Menschengruppe wie z.B. den Juden hat.

 

Was ist das mit uns? Warum können wir nicht einfach unser Leben leben, uns an ein paar grundlegend moralischen Werten orientieren und ansonsten die anderen in Ruhe lassen? Warum hängen wir unsere Seelen an andere- und eben nicht nur an Gute, an den Sohn Gottes z.B., sondern so oft auch an jemandem, der der Welt und uns selbst nicht guttut? Warum?

 

Die Psychologie nennt diejenigen, denen wir folgen, Vorbilder. Und Vorbilder sind dafür da, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln; Ihr Handeln, Denken und Reden sind für uns eine Matrix, mit der wir unser eigenes Handeln, Denken und Reden abgleichen und wenn wir meinen, es würde zu uns passen, eben auch angleichen. Vorbilder sind somit auch Spiegel unserer eigenen Persönlichkeit. Diejenigen, denen wir hinterherlaufen, sagen auch viel über uns selbst aus.

Wenn das so ist, dann kann man schon einmal erschrecken, je nachdem, wer einen so fasziniert und wen man bewundert.

Das kann dann in dem einen Fall schon mal Durchsetzungskraft sein oder Stärke, wenn man selbst darin ein Defizit hat.

Oder in einem anderen Fall Mut und Wagemut, wenn einem diese selbst fehlen. Dann treten die Defizite des Vorbildes in den Hintergrund und wir nehmen diese in Kauf, weil uns der Rest dieser Persönlichkeit eben in Bereichen stärkt, die bei uns selbst schwach sind.

Und so gehen wir viel zu oft auch den Verführern, manchmal gar den Verbrechern auf den Leim.

 

Es ist dementsprechend von großer Bedeutung, sich seiner selbst bewusst zu sein oder zu werden.

Wo liegen meine Schwächen? Wo habe ich Defizite?

Und wo und bei wem suche ich sie auszugleichen? Was bewundere ich dementsprechend bei anderen? Welche Vorbilder habe ich mir deswegen herausgesucht?

 

Wenn man sich darüber klar ist, bekommt man auch ein hilfreiches Werkzeug, ein Instrument an die Hand: Ich kann mir nämlich Vorbilder bewusst aussuchen. Ich muss nicht einfach meinen Emotionen nachgeben und blind jemandem folgen, der sich u.U. dann als Verführer oder gar als Verbrecher entpuppt.

Ich kann mich orientieren an der Frage: Tut dieses Vorbild der Welt, den anderen und mir gut oder nicht? Verändert dieses Vorbild die Welt zum Besseren oder zum Schlechteren?

Erst dann stehen nicht mehr meine eigenen Defizite, die ich im einem Vorbild-Hinterherlaufen ausgleichen will im Vordergrund, sondern etwas Größeres, das tatsächlich zum Vorbild taugt.

Ohne dieses Werkzeug, ohne einen Maßstab, der sich am Guten für die Welt, den anderen und für mich orientiert, kann die Orientierung an einem Vorbild auch zur Gefahr werden, auch da: für die Welt, den anderen und für mich.

 

In unserer Gegenwart haben wir durch das Smartphone so viele mögliche Vorbilder an der Hand, dass einem schwindelig werden kann. Ob sie Sportler, Musiker, Künstler, Politiker oder sogenannte Influencer sind, wobei die letzteren ihre gewollte Vorbildrolle sogar schon im Namen tragen. Sie alle bieten sich an, oft mit allen Mitteln der Technik und Verführungskunst. Und der Aufwand sich dem zu entziehen oder das richtige Vorbild zu finden, wird immens oder zumindest immer größer und damit auch die Gefahr, sich den falschen anzuschließen.

 

Gott sei Dank haben sich die damaligen Fischer in Galiläa einem guten Vorbild, DEM guten Vorbild angeschlossen. Ohne sie wüssten wir nichts von diesem Jesus. Sie haben bemerkt, dass er der Welt, den anderen und ihnen selbst guttut. Sie haben bemerkt, dass er es wert war, das bisherige Leben hinter sich zu lassen.

Wann merken wir das? Wann merken wir, dass es uns guttäte, die bisherige Welt mit ihren inzwischen oft irreführenden Spielregeln hinter uns zu lassen? Wann merken wir, dass wir viele unserer bisherigen Narrative aufgeben müssen, damit die Welt und wir uns mit ihr zum Besseren verändern können?

Es wird doch immer offensichtlicher, dass wir die Welt in eine Lage gebracht haben, die uns in eine Sackgasse bringen könnte.

Und damit wird auch immer offensichtlicher, dass wir immer dringender Vorbilder benötigen, die uns aus dieser Sackgasse herausführen können.

Wir müssen lernen unsere bisherigen Netze- auch manche Teile der Inter-Netze liegen zu lassen, Menschen, Ideologien und Überzeugungen, die niemandem als diesen selbst nutzen, keine Beachtung mehr zu schenken.

 

Die Geschichte von der Berufung der ersten Jünger klingt so altbacken und tausendmal gehört- ist es aber nicht.

Immer wieder erinnert sie daran, dass die Frage nach dem, wen wir uns als Vorbild nehmen von immenser Wichtigkeit ist.

Und wir Christen können uns nur wirklich so bezeichnen, wenn wir uns Christus als Vorbild nehmen. Na klar, werden alle sagen- logisch.

Aber bitte lassen Sie uns doch unsere Vorbilder, denen also, denen wir hinterherlaufen und nachfolgen doch einmal überprüfen: Es ist eben nicht nur Christus; er ist oft genug nur einer unter vielen; und oft genug nicht das wichtigste Vorbild. Die anderen sind viel präsenter, drängen sich viel mehr auf, lieben die Bühne, die Kamera, jedes Mikrofon, nicht den Hinter- sondern den Vordergrund.

So ist Christus nicht. Der sucht uns zwar, spielt sich aber nicht auf, buhlt nicht billig um Aufmerksamkeit und Likes, sondern ist einfach nur da.

Gerade diese stille Präsenz, diese in sich mit Gott als Mittelpunkt ruhende Persönlichkeit hätte dieser lauten und verwirrten Welt so viel entgegenzusetzen.

Brächten wir doch nur den Mut auf, das Bisherige hinter uns zu lassen, uns ihm anzuschließen und seine Lebensweise zu unserer zu machen.

Wenn dann andere neugierig werden und uns fragen, warum wir das tun, wäre schon viel gewonnen- für unsere Welt, die anderen und uns selbst.