23. August, 21. Sonntag im Jahreskreis

Bis heute ist man sich nicht einig, wer denn dieses Jesus eigentlich war.

Historiker sind zwar vornehmlich der Auffassung, dass dieser Jesus von Nazareth gelebt hat, alles andere aber sei unsicher.

Archäologen schon kommen auf zwei Hauptantworten, die sich vor allem aus den Ausgrabungen in der galiläischen Heimat begründen: War diese Region eine eher traditionell jüdisch geprägte Gegend oder hatte die Anwesenheit der Römer die Menschen auch hin zu nicht-jüdischen Gedanken geöffnet? War dementsprechend Jesus ein streng nach den Gesetzen seiner Religion lebender Wanderprediger oder jemand, der auch andere Gedankengebäude kennengelernt hatte und dadurch offen für den Disput auch mit anderen Auffassungen war?

 

Außerhalb von Archäologie und histor. Wissenschaft werden die Deutungen noch viel facettenreicher: Ein Artikel in National Geography ist etwas reißerisch überschrieben mit: Jesus, wer war er wirklich? Gottes Sohn, religiöser Reformer oder der größte literarische Schwindel der Geschichte.

In den 70er Jahren war es populär, Jesus vor allem als Sozialrevolutionär zu sehen und heute machen ihn manche zum Idealbild eines Widerständlers, der sich mit der Last Generation auf die Autobahnen kleben würde.

„Was denken die Leute über mich?“ fragt Jesus seine Jünger: Was wird über mich geredet?

„Das, lieber Jesus“ und vieles mehr müsste man ihm heute antworten.

 

Eigentlich ist es ja eine merkwürdige Frage, die Jesus da an seine Anhänger richtet: Was wird da über mich geschwätzt? Welche Gerüchte gibt es? So könnte man dies verstehen, so als wäre Jesus über sein Selbstbild besorgt, so als würde er darüber nachdenken, was er beim nächsten Selfie auf Instagram zu berücksichtigen hätte.

 

Aber für Matthäus ist das Ganze nur ein Einstieg in die eigentliche Thematik dieser Erzählung, und die dreht sich um die dann folgende Frage, die er an die Jünger richtet: Für wen aber haltet Ihr mich?

Ihn interessiert nämlich nicht, was die anderen über ihn sagen- das Geschwätz der Leute ist nichts, was ihn kümmert. Ob die ihn für den neuen Elias, für Jeremias oder für einen der anderen Propheten halten- ganz egal.

Für wen haltet Ihr mich? Das ist die entscheidende Frage: Du Petrus, Du Matthäus, Du Bartholomäus, Du Frau Maier und Du Herr Schmitz: Für wen hältst Du mich?

Und dabei schau bitte nicht auf das, was die anderen da draußen so erzählen, was Du in National Geographic, in den sozialen Medien oder in der Geschichts- oder Theologievorlesung an der Uni gehört hast, schau auf das, was Dir Dein Glaube, Dein Herz, Deine Erfahrung, die sich aus der Beziehung zu mir ergibt, Dir sagt. Wer bin ich für Dich?

Trau Dir zu, das ehrlich beantworten zu können und zu dürfen.

 

Was hier in diese Geschichte verpackt ist, die in unserer Kirche normalerweise für die Legitimation für das Papstamt herangezogen wird, ist zunächst einmal eine sehr moderne Geschichte, die so gar nicht mit dem Bewahrenden und Mahnenden, das wir mit dem Papstamt verbinden, zusammenpasst; es geht nämlich um die individuelle, die persönliche Beziehung zwischen Mensch und Gott- eine eher neuzeitliche Spur. Das wird einem erst richtig klar, wenn man sich die Geschichte anders erzählt vorstellt. Jesus hätte ja auch z.B., nachdem die Jünger ihm berichteten, was so alles über ihn im Umlauf sei, auf die Antworten der traditionellen Autoritäten verweisen können. Auf die hört, hätte er sagen können. Die allerdings hätten ihn eher als Scharlatan bezeichnet, weil seine Reden und Taten schließlich immer wieder die traditionelle Mittlerschaft der Priesterkaste in Zweifel zogen. Es gab keine Autorität, auf die er sich hätte berufen können. Er konnte gar nicht sagen: Die und die haben recht, hört auf die. Er konnte nur auf die individuelle Erfahrung der Jünger verweisen, die sie mit ihm gemacht hatten: Schaut auf das, was Ihr mit mir erlebt habt und dann zählt 1 und 1 zusammen, dann wisst Ihr wer ich bin.

 

Du Petrus, Du Matthäus, Du Frau Maier und Du Herr Schmitz darfst Dir zutrauen, die Erfahrung, die Du mit mir gemacht hast, ernst zu nehmen. Das Glauben kann Dir keiner abnehmen, auch nicht die Schlüsse, die Du daraus ziehst.

Und Petrus antwortet, weil er seine Schlüsse gezogen hat: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Und Jesus stimmt ihm zu und sagt etwas Wichtiges: Selig bist Du, Simon, denn nicht Fleisch und Blut- Menschen also- haben Dir das eingegeben, sondern mein Vater im Himmel.
Petrus, dem ganz normalen Fischer, wurde von Jesus zugetraut eine lebendige Gottesbeziehung zu haben, die ihn die Wahrheit sehen und erkennen lässt.

Es braucht offenbar keinen Vermittler: Erkenntnis Gottes kann sich in jedem gläubigen Herzen ergeben, der Hl. Geist wirkt in jedem, der sich ihm öffnet und führt ihn in die tiefen Geheimnisse des Gottesglaubens ein.

 

Wenn ich mich morgen mit den Jugendlichen, die sich auf die Firmung vorbereiten, auf den Weg nach Meschede machen, dann tue ich das auch in dem Bewusstsein, dass sich in jedem von ihnen, der Glaube an Gott in großer Tiefe entwickeln kann. Petrus ist dem Jesus für ein paar Jahre hinterhergegangen, hat sich mit ihm beschäftigt, über ihn reflektiert und meditiert und in ihm konnte sich dieser Glaube entfalten.

Die Geschichte heute kann man auch als eine Geschichte lesen, die davon berichtet, dass dies jedem möglich ist, der diesem Jesus hinterhergeht, sich mit ihm beschäftigt, über ihn reflektiert und meditiert.

 

Und was tut Jesus dann? Er sagt dem Petrus dann, dass er auf ihn seine Kirche aufbauen will. Man kann das als eine direkte, individuelle und persönliche, nur auf Petrus zugeschnittene Aussage Jesu interpretieren und damit Petrus, sozusagen dem ersten Papst eine riesige Autorität zusprechen, denn schließlich sagt dies Jesus nicht zu den anderen ebenfalls anwesenden Jüngern, er sagt es nur zu Petrus.

 

Man kann es aber auch interpretieren als eine Geschichte, in der Jesus vor allem den persönlichen Glauben jedes Einzelnen autorisieren will. Wenn Du- und ich könnte die Reihe noch einmal von Matthäus zu Frau Maier und Herrn Schmitz aufzählen- glaubst, dass ich, Jesus der Christus, der Sohn des himmlischen Vaters bin, dann werde ich auf Dich meine Kirche bauen.

Der persönliche Glaube eines jeden Einzelnen von uns daran, dass Jesus mehr als ein Revolutionär, mehr als ein Anwalt der Schöpfung, mehr als nur irgendein Religionsgründer war, sondern tatsächlich Gottes Sohn, die Verkörperung Gottes in unserer Welt war, ist die Grundlage unserer Gemeinschaft, der Grundstein der Kirche. Auf diesen baut Jesus diese seine Kirche.  Auf Ihren, auf meinen Glauben an ihn als Sohn Gottes, als denjenigen, der uns das wahre Gesicht Gottes zeigt.

 

Dass es nun mal Petrus wurde, den Jesus den Fels seiner Kirche nennt, ist schlichtweg der Tatsache geschuldet, dass Petrus als erstes auf die Frage Jesu, für wen die Jünger ihn halten geantwortet hat.  Es hätten auch die anderen sein können. Es ist davon auszugehen, dass sie als verschworene Gemeinschaft zu einer ähnlichen Auffassung gekommen waren, wer denn dieser Jesus in Wahrheit war.

So wird weniger der konkreten Person des Petrus zugesagt, der Fels der Kirche zu sein, sondern dem Menschen an sich, jedem, der dieser Aussage zustimmen kann: Jesus ist der Christus, Sohn des lebendigen Gottes.

Insofern ist Jesus doch ein Revolutionär, der die individuelle Beziehung eines jeden Menschen zu Gott als konstitutiv für seine Gemeinschaft ansieht. Und damit bekommt jeder von uns bis heute die Zusage von Jesus: Du, Du bist der Fels meiner Kirche.