2. August 18. Sonntag im Jahreskreis
Mt. 14,13-21
Wenn man in diesen Tagen eine Geschichte über Hunger und Brotvermehrung hört, dann drängen sich automatisch die vielen Nachrichten auf, die uns in der gegenwärtigen Situation an die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine und im Nahen Osten oder auch der Klimaveränderungen auf die Nahrungsmittelversorgung der Welt erinnern: oft wird vor Hunger gewarnt.
Wir alle hier wissen, wie viel daran hängt, wie unbezahlbar einfachste Lebensmittel in manchen Ländern für immer größer werdende Teile der Bevölkerung sind. Wir wissen um die Folgen einer Einstellung, in der Lebensmittel als Waffe eingesetzt werden. Wir wissen um die Ignoranz vor den Auswirkungen des von allen Wissenschaftlern dokumentierten Klimawandels.
Und natürlich fürchten auch viele, dass sich daraus für Europa neue Flüchtlingsströme ergeben könnten, die noch zu größeren Verwerfungen in unseren Gesellschaften führen könnten. Die Reaktionen auf die Stürmung von Ceuta in dieser Woche sprachen Bände.
Und so haben wir wieder diese Bilder vor Augen: Menschen, die sich mühsam über hunderte von km aufgemacht haben, um in überfüllten Lagern anzukommen, getrieben von der Hoffnung doch noch für die manchmal schon sterbenden Kinder oder für sich selbst ein wenig Nahrung zu finden.
Oh wie wünschte man dann, dass es jemanden gäbe, der das Wenige auf wundersame Weise vermehren könnte. Doch so einfach ist es bekanntlich nicht, zum einen, weil bei den erwarteten Zahlen kaum genügend für alle zusammenkommen wird–und zweitens, weil die Geschichte der Brotvermehrung nicht einfach eine Geschichte der zusätzlichen Lebensmittellieferungen ist, sondern eine mit mindestens zwei Dimensionen.
Mit einer sozialen und einer spirituellen:
die soziale:
Es geht hier um´ s Teilen, es geht darum, wie die Menschen, die Jesus nachfolgen, also nach seinen Ideen leben mit dem umgehen, was sie haben und wie sie mit denen umgehen sollten, die in Not sind.
Und da ist die Vorgabe Jesu klar.
Daraus ergibt sich ganz selbstverständlich, dass wir alles Mögliche tun müssen, in dieser Welt dafür zu sorgen, dass alle ausreichend zu essen haben, dass nicht nur dann Notgipfel einberufen werden, wenn es gerade wieder mal am schlimmsten ist und uns gerade wieder mal die TV Bilder aufschrecken, sondern dass die Strukturen und die Ursachen beseitigt werden, die dazu führen, dass es in manchen Staaten Lebensmittel nicht ausreichend vorhanden gibt oder aber diese zu teuer sind.
Nicht zuletzt auch immer wieder eine Mahnung an die EU-Subventionspolitik und an diejenigen, die mit Lebensmitteln spekulieren. Und was den Krieg und die anderen Probleme unserer Zeit angeht: Da kann man im Moment schon einmal verzweifeln, weil man ja überhaupt keine Vorstellung davon hat, wie und ob sich das alles lösen wird.
Auf diesem Hintergrund dann die Forderung Jesu heute: Schauen wir noch einmal wie die Jünger beschrieben werden: In der heutigen Stelle heißt es, die Jünger fordern Jesus auf, die Leute wegzuschicken, damit sie sich noch etwas besorgen können. Aber Jesus sagt nur, „nicht nötig, gebt Ihr ihnen etwas zu essen!“
Klipp und klar und knallhart.
Nun lässt sich die Situation im damaligen Israel als Teil des römischen Staates natürlich nicht mit einem Sozialsystem vergleichen wie wir es hier in Mitteleuropa haben. Vieles wird heute vom Staat und anderen Institutionen geleistet, das von Einzelnen gar nicht möglich und leistbar wäre und zum anderen von Institutionen, die damals gar nicht existierten.
Trotzdem kann man aber wohl mal wagen das Verhalten der Jünger mit uns zu vergleichen, denn auch wir haben doch die Tendenz solche Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit und andere Nöte von uns wegzuschieben, solange sie uns nicht betreffen. Auch wir tendieren dazu, zu sagen, lass sie doch gehen, wir können nicht helfen, sie sollen sich im Dorf etwas besorgen- für mich ins Heute übersetzt: Sie sollen sich doch um Hilfe beim Staat kümmern.
Oder bezogen auf die erwartete Situation in vielen Teilen der Welt: Wir können ja doch nichts machen. Welchen Einfluss haben wir schon auf die Geschehnisse im Nahen Osten oder als Einzelner auf die Klimaveränderungen. Oder was können wir an den Gesundheits- und Sozialsysteme afrikanischer oder lateinamerikanischer Länder tun- doch nichts.
Dazu wird mögliche Hilfe noch als paternalistisch angesehen oder als Einmischung mit eigenen wirtschaftlichen Interessen.
Und doch noch einmal Jesus: Gebt IHR ihnen zu essen.
Die Verantwortung für Menschen in Not abzugeben oder uns einzureden, wir könnten doch nichts machen, darin sind wir bestimmt gut.
So hat sich der Sozialstaat in den letzten Jahrzehnten ja auch entwickelt- als eine Institution, die möglichst in allen Lagen des menschl. Lebens bei Notfall einspringt.
Das ist ja auch gut so, solange der Gedanke der Solidarität dahintersteckt, der eine Gemeinschaft für jemanden einspringen lässt, der aus eigenem Versagen oder durch andere Umstände in eine Notlage geraten ist.
Leider aber hat sich bei uns über diesen langen Zeitraum die Mentalität eingeschlichen, die mit Solidarität nicht so viel zu tun hat und immer nur das wieder heraushaben will, was man eingezahlt hat. Dass so weder eine Kranken, -eine Arbeits- oder jegliche andere Versicherung funktionieren kann, liegt auf der Hand und wird ja zum Erschrecken vieler immer offensichtlicher und spürbarer.
Wie auch immer, wir Menschen haben nun mal die Tendenz, das Unangenehme aus unserem Blickfeld zu verbannen oder es aber an andere weiterzureichen, manchmal mit den fadenscheinigsten Begründungen. Die Jünger hier benutzen die Ausrede, dass sie doch nur dies und das haben und damit ginge es doch nicht.
Also „lass sie gehen, wir können hier doch nicht helfen.“
Aber darauf lässt sich Jesus nicht ein. Er sagt nur, „gebt erst mal das, was ihr habt, dann sehen wir weiter.“
Und wir alle kennen das Ende: Alle werden satt und es bleiben sogar noch zwölf Körbe übrig.
Ich denke, dass uns diese Erzählung daran erinnern will, dass es Aufgabe einer jeden christlichen Gemeinschaft sein muss, ihr Möglichstes zu tun, dass in ihren Reihen niemand sozusagen den Bach runtergeht. Und leider gehören in unsere Reihen auch die Menschen in der Welt, allein schon deswegen, weil heute alles so miteinander vernetzt ist, dass Probleme auch in entfernten Regionen auch immer etwas mit unseren Einstellungen zu tun haben.
Und zum Glück finden sich in unseren Reihen auch immer wieder viele, die für das eine oder andere Projekt in Bangladesh spenden- und Adeste hat, wenn es im Herbst und Winter darum geht, die Armenspeisung zu organisieren noch nie ein Problem gabt, entsprechende Helfer zu finden
Kurzum: die Not ist groß und manche in St. Paulus verschließen sich dieser auf vorbildliche Weise nicht- und gehen damit auf die Mahnungen Jesu ein.
Denn dieser fordert uns mit dieser Geschichte auf, unsere ganze Phantasie einzusetzen um zu Lösungen zu kommen, die die Not lindern können. Und die Geschichte von heute sagt uns: denkt nicht nur an Euch, nach dem Motto: das hier, die zwei Fische und die fünf Brote haben wir für uns, die anderen sollen sehen, dass sie woanders satt werden.
Satt wird man ja bekanntlich nicht nur durch Brot. Wir haben ja auch anderen Hunger, Hunger nach Sinn, Hunger nach Liebe, Hunger nach Anerkennung. Wenn hier die Geschichte erzählt, dass alle satt wurden, will sie m.E. auch sagen, dass Jesus uns so viel anzubieten hat, dass wir diesen Hunger auch stillen können. Leben mit ihm und den Erfahrungen für die er steht, kann ein Leben sinnvoll machen, kann einem Liebe erfahrbar machen, kann einem Anerkennung erfahren lassen.
Das Leben mit Jesus kann einen satt machen.
Eine letzte Bemerkung noch, die sich auf die Zahl 12 bei den übriggebliebenen Körben bezieht. Sie alle wissen, dass diese Zahl eine sehr wichtige Symbolzahl in der christlich-jüdischen Tradition ist und für das Komplette, das Ganze, dem nichts mehr fehlt steht.
12 heißt alle.
12 Körbe bleiben übrig heißt dann wohl, dass man damit alle satt machen kann. Jesu Angebot gilt nicht nur für den kleinen Kreis seiner Jünger, sondern für alle. Seine Botschaft ist universell, will keinen ausschließen.
Ob nun geistlich oder körperlich: Die Botschaft Jesu lässt uns keine Wahl, als unseren Blick auf jede Not zu richten- sei es auf den spirituellen Hunger vieler in unseren Breiten oder den physischen Hunger so vieler in der Welt. WIR sind gefragt, weil wir zum Helfen die erforderlichen Mittel haben- jedenfalls mehr als wir denken und wahrhaben wollen.
