19. April, 3. So. d. Osterzeit

 

 

Ohne Frage ist in unserer Kirche EINE Feier von zentraler Bedeutung. Unvorstellbar, dass es wichtige Festtage gäbe, an denen sie nicht gehalten würde. Unvorstellbar, dass sie mit etwas anderem ersetzt werden könnte. Eine Kirche ohne Eucharistie-, ohne Messfeier, wäre keine Kirche. Die Feier des Abendmahls ist sozusagen das Markenzeichen der Kirche.

 

Sicherlich sind auch einige andere Punkte von großer Bedeutung: Nächstenliebe oder Vergebung z.B., aber ohne die Feier des Gemeinschaftsmahles würde das Zentrum fehlen.

 

Nichts macht dieses deutlicher als die Geschichte der Emmausjünger, die wir gerade gehört haben.

 

Nein, die Jünger haben dort in dem kleinen Raum, nachdem sie diesen zunächst so fremd erscheinenden Mitwanderer eingeladen hatten, zu bleiben, kein Kyrie gebetet, kein Gloria gesungen, sie haben auch nicht 3 Schriftlesungen und eine Predigt gehört, sie haben aber das Brot miteinander gebrochen.

Dann, erst dann ging ihnen ein Licht auf, dann haben sie kapiert, was da eigentlich mit ihnen passiert ist, oder um es biblisch auszudrücken: Da erkannten sie ihn.

Der Fremde, der sich als Jesus entpuppte, hatte das Brot genommen, es mit ihnen geteilt und plötzlich war ihnen klar, wer da bei ihnen saß: Der am Kreuz Gestorbene und für sie dann plötzlich offensichtliche, der vom Tod Auferstandene.

In der Feier des Brotbrechens, in der Messfeier also erkannten sie Jesus, erkannten sie Gott, verstanden sie den ganzen Zusammenhang. Aus traurigen, hoffnungslosen, desillusionierten Jüngern waren Menschen geworden, die den Sinn des Ganzen, den Sinn des Lebens sozusagen gefunden hatten.

 

Sehr idealistisch, werden manche vermutlich denken. Und ja, das stimmt, das gebe ich zu. Nicht jede Messe hat diese Wirkung: nämlich, dass Jesus, dass Gott erkannt wird oder der ganze Zusammenhang des Lebens. Offen gestanden, geschieht das eher selten. Aber das Potential dazu, ist darin vorhanden.

Es gibt wohl keine Kultur, in der das gemeinsame Mahl nicht von großer Bedeutung wäre. Damit meine ich natürlich nicht die Messfeier, sondern das schlichte miteinander essen. Kein Fest, an dem es nicht etwas zu essen gäbe. Natürlich auch, weil wir schlichtweg Nahrung brauchen, aber das könnte ja auch jeder für sich zu unterschiedlichen Zeiten einnehmen; es geht um das GEMEINSAME Essen. Ein Fest ohne ein gemeinsames Mahl ist doch kein richtiges Fest. An EINEM Tisch, alle zusammen, gemeinsam begonnen, ein solches Essen ist in allen Kulturen und in allen Zeiten von zentraler Bedeutung. Gemeinsam.

 

Nicht umsonst finden es viele unangenehm, in einem Restaurant alleine zu essen, nicht umsonst wird die Esskultur vernachlässigt, wenn ich ständig nur alleine für mich etwas kochen muss. Dann kann es schnell gehen, dann muss es nicht so üppig sein, dann kann es was Einfaches sein.

Ist aber jemand anderes dabei, wird jedes Essen zu einer kleinen Feier, dann geschieht etwas, dann drückt sich Gemeinschaft aus, dann verbinden sich Menschen miteinander. Dann teilt man, dann teilt man sich mit.

Aus diesem Grund bin ich ein großer Verfechter von Esskultur: Gemeinsames Beginnen, aufeinander warten, dem anderen etwas von den Speisen reichen und das Mahl zusammen beenden. Dabei geht es nicht um das Einhalten von Kniggeregeln, sondern darum, den Alltag zu feiern, ihm etwas Besonderes zu geben, das Potential des gemeinsamen Essens zu nutzen.

 

Auch deswegen wird das gemeinsame Essen der Familie in der  Pubertät oft genug ein Problem. Das Brechen der Regel, das Verlassen des gemeinsamen Tisches ist der übliche Protest der Pubertät gegen das Bisherige, nur um sich als Jugendlicher eine neue Gemeinschaft zu suchen, in der dann das Ritual des gemeinschaftlichen Essens neu entdeckt wird. Nicht mit dem Tafelsilber der Großeltern, sondern eher mit dem Plastikgeschirr von McDonald’s, aber eben doch gemeinsam.

 

In jeder Eucharistiefeier tun wir nichts anderes. Wir feiern Gemeinschaft, die sich im gemeinsamen Essen ausdrückt. Und noch etwas mehr, um etwas Entscheidendes mehr: Wir feiern Gemeinschaft, ja, aber es sitzen nicht nur wir am Tisch, sondern Gott sitzt dabei.

Das ist das, was den Jüngern an dem Abend in Emmaus aufgegangen ist: Wenn wir zusammen essen, so wie im Abendmahlssaal vor Jesu Hinrichtung, dann feiern wir nicht nur Gemeinschaft untereinander, sondern wir feiern auch Gemeinschaft mit ihm. Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; im gemeinsamen Mahl, gehalten wie im Abendmahlssaal ist Jesus dabei. In diesem Mahl erkennen die Jünger Jesus. Das ist das Entscheidende. Christen glauben, dass in der Feier des Abendmahles, Gott bei ihnen ist, anwesend ist.

 

Ich wünschte Ihnen, dass es Ihnen ab und an so geht wie mir. Wenn wir hier Eucharistie feiern, dann habe ich oft genug die Empfindung, dass wir auf einer anderen Ebene miteinander verbunden sind. Wenn wir in Kreisen zusammenstehen, zusammen beten und singen, konzentriert auf unsere Mitte, dann spüre ich, dass wir durch etwas verbunden sind, was man unseren Spirit nennen könnte, biblisch gesprochen: Heiliger Geist. Da ist es plötzlich egal, wer der andere ist, da ist es gleichgültig, ob ich den mag oder nicht. Plötzlich sehe ich im anderen das Verbindende, die Tatsache, dass wir alle Kinder Gottes sind, Ebenbilder unseres Schöpfers. Nicht mehr Herr Dr. Müller oder Frau Professor Schmitz, nicht mehr der alte Schulze oder die blöde Becker.

Gefeiert in seinem Geist, wird dieser Geist frei gesetzt, erfüllt uns, lässt uns manchmal sogar klar erkennen wer wir sind und wozu wir da sind.

 

Die Emmausgeschichte hört damit aber nicht auf.

Unmittelbar danach schreibt Lukas: dann sahen sie ihn nicht mehr.

Bumms, aus, vorbei. Sie hatten verstanden- und schon war er nicht mehr zu sehen. Zurück in den Alltag.

Irgendwann ist das Essen vorbei, das Mahl, das Festmahl und wir kommen ins Alltägliche mit all seinen Sorgen, Problemen und Herausforderungen zurück. Dann sehen wir Gott nicht mehr. Haben keinen Sinn mehr für ihn. Der Sensus ist erloschen. Feiern sind eben deswegen Feiern, weil sie sich vom Alltag unterscheiden. Der Alltag kann nicht ständige Feier sein. Alltag ist das, was alle Tage geschieht, Feier ist Höhepunkt, ist Ausnahmesituation. Aber auf Dauer prägt die Feier den Alltag, erleichtert ihn; die Feier gibt uns die Kraft, den Alltag zu meistern. Im Alltag bleibt etwas von der Erinnerung an die Feier. Brannte uns nicht das Herz in der Brust als er unterwegs mit uns redete?

Erst im Nachhinein entdecken wir die Spuren Gottes, erst hinterher wird uns manches klar. Wie oft sagen wir, ja, jetzt geht mir ein Licht auf, jetzt verstehe ich, warum dies und das so und so geschehen ist.

 

Nun, all das hier Beschriebene erschließt sich nicht automatisch. Eine gefeierte Eucharistiefeier wird nicht unbedingt immer zu einer Erleuchtung führen. Eher seltener. Nicht jedes gemeinsame Essen ist ein Fest, eher seltener. Aber es birgt das Potential in sich.

Der Spirit des Festes kann in jedem Essen ausbrechen, der Heilige Geist in jeder Eucharistiefeier. Und deswegen ist es es wert, sie immer wieder zu feiern.

 

Noch einmal zurück zu den Emmausjüngern: Sie hatten ja zu dem für sie noch Unbekannten gesagt, er möge bei ihnen bleiben, denn es würde ja schon Abend. Und bekanntlich muss man nachts schlafen, sich ausruhen, um am  nächsten Tage mit frischer Kraft weiterzumachen.

 

Es passiert aber etwas Erstaunliches: Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück.

So heißt es da gegen Ende der Geschichte: In derselben Stunde, am Abend also noch. Nichts hielt sie mehr. Sie hatten verstanden. Sie waren begeistert. Sie mussten aufbrechen. Das Dunkel war plötzlich kein Hindernis mehr. Sie gingen nach Jerusalem  zurück. Dorthin, woher sie gerade gekommen waren. Sie waren von dort aus Angst als Jünger des Hingerichteten erkannt zu werden weggegangen  und gingen nun zurück, genau an diesen Ort.

Keine Angst mehr- und wenn es äußerlich noch so dunkel ist. Ihnen brannte ja jetzt das Herz. Es war Verwandlung geschehen, Wandlung sozusagen.

Erst dann konnten sie all das tun, was für ihre Gemeinschaft Merkmal wurde: Nächstenliebe und Versöhnung. Charakterzüge einer echten Kirche.

Aber erst nachdem sie mit diesem Jesus Mahl gehalten hatten. Deswegen ist Eucharistiefeier so zentral.

Die Teilnahme daran ist keine moralische Verpflichtung als täte man damit Gott einen Gefallen.

Abendmahl feiern heißt sich auf das zu besinnen, was zentral für Christen ist: wir leben in Gemeinschaft mit Gott, aus dieser Gemeinschaft heraus, aus ihr deuten wir unser Leben, sie macht uns zu dem, was wir sind: von außen betrachtet Kreaturen dieser Welt, von innen her Geschöpfe Gottes.