17. Mai, 7. So. d. Osterzeit
Joh 17
Es wird Ihnen schwerfallen nachzuvollziehen, warum ich vom heutigen Evangelium wirklich fasziniert bin. Beim ersten Hören nimmt man ja nur eine vielfache Kombination aus Vater, Sohn, „Verherrlichung“ und „Offenbarung“ wahr; die beiden letzteren also Wörter, die wir im Alltäglichen gar nicht gebrauchen.
Und ich kann Sie gut verstehen: Johannes ist nicht einfach, er schreibt sozusagen um viele Ecken herum.
Lukas z.B. dagegen fasziniert uns mit den herrlichen Geschichten von der Geburt Jesu oder vom verlorenen Sohn. Er vermittelt uns den Glauben durch Gleichnisse und Erzählungen.
Johannes erscheint dagegen als strohtrocken und abgehoben. Aber sein Inhalt -der hat es in sich.
Es geht um das Selbstverständnis Jesu und um das Verständnis des Menschen aus Jesu und aus Gottes Sicht.
Die erste Sensation ist schon einmal, dass man das nicht voneinander trennen kann.
Aber eines nach dem anderen:
Diese Reflexionen Jesu nennt man auch die Abschiedsreden.
Sie stehen im 17. Kapitel und leiten die Abendmahls- und Kreuzigungsszenen ein.
Sie stellen aus der Sicht des Johannes das Testament Jesu dar.
Man kann sich das so vorstellen, dass dieser –um sein nahes Ende wissend- noch einmal über den Sinn seines Lebens und seiner Mission nachdenkt und zusammenfasst.
Dabei ist ihm offenbar klar geworden, dass seine Beziehung zu Gott etwas ganz besonderes ist.
Ihm ist klargeworden, dass er existiert haben muss, bevor alles andere erschaffen wurde: Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, BEVOR die Welt war.
Er wusste, dass er schon immer bei Gott war. Nicht mit dem Körper, den er dort in dem Moment seines Gebetes besaß, sondern irgendwie anders. Ihm war klar, dass er ewig war, immer schon existierte und auch in Zukunft immer existieren würde.
Der Tod machte ihm keine Angst. Für ihn war das nur ein weiterer Übergang, in diesem Falle zurück zu Gott, in seine Herrlichkeit, wie Jesus es nennt.
Sein Mut, seine Unabhängigkeit vom Zeitgeist, seine freien und manchmal unpopulären Entscheidungen und seine Lebensweise erklären sich nur aus diesem Wissen, aus dieser Erkenntnis.
Seine 33 Jahre irdischer Existenz waren ein kurzer Abschnitt, aber ein bedeutender Abschnitt. Nicht so sehr für ihn selbst, sondern für die anderen Menschen.
Und das ist der zweite interessante Punkt: Er hat in dieser Situation seines nahenden Todes nicht nur sein eigenes Schicksal im Auge, sondern auch das seiner Gefährten. Und darüber hinaus, das aller Menschen.
Seine Überzeugung zu diesem Punkt kann man so zusammenfassen: Die Menschen gehörten schon immer zu Gott.
Seine- Jesu- Aufgabe war es, ihnen das bewusst zu machen: Ihr seid nicht von Gott getrennt- das ist die erste Erkenntnis;
wenn ihr mich verstanden habt, dann habt ihr Gott verstanden- das ist die zweite;
und wenn ihr mir das glauben könnt, dann seid ihr schon bei Gott- das ist die dritte Erkenntnis.
Das war es schon.
In der Konsequenz beschreibt er damit das Leben, so wie wir es erleben nicht gerade als Illusion, aber doch als nur die halbe Wahrheit. Er hat es selbst erlebt: Als Mensch Jesu war er von Gott getrennt, aber er hat früh in seinem Leben erkannt, dass das eine Illusion ist: er stand mit diesem Gott, den er Vater nannte, in engem Kontakt, untrennbar, ewig.
Dieses Leben ist aus Jesu Sicht nicht alles, es ist nur ein Abschnitt, in dem wir uns bewusst werden sollen und können, dass wir nicht von Gott getrennt sind.
Aus Jesu Sicht ist Gott nicht in der Ferne schwebend, richtend, mit den Menschen spielend, sondern – in seinen Worten gesprochen: Jesus und Gott sind eins.
Wenn wir wissen wie Jesus war, wissen wir wie Gott ist. Beide waren und sind untrennbar. Was der eine will, das will der andere. Wie der eine ist, so ist der andere. Alles, was wir von Jesus wissen, dürfen wir –in der Konsequenz- von Gott sagen:
Das ist für mich schon faszinierend genug, weil wir alles, was uns so von Gott erzählt wurde und wird über Bord schmeißen können, wenn es nicht dem Leben und dem Geist Jesu entspricht.
Hat Jesus sich für irgendetwas gerächt? Nein, also ist auch Gott kein Rächer.
Musste irgendjemand Angst vor Jesus haben? Nein, also muss auch niemand Angst vor Gott haben.
War Jesus die Liebe, die Güte und die Barmherzigkeit in Person? Ja, also ist auch Gott die Liebe, die Güte und die Barmherzigkeit.
Hat Jesus jemals einen Menschen aufgegeben? Nein, also gibt auch Gott keinen Menschen auf!
Faszinierend genug.
Aber das ist noch nicht alles: was halten Sie von folgendem Satz: Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht.
Der erste Teil drückt noch einmal aus, was wir zuvor reflektiert haben: „was mein ist, ist dein und was dein ist, ist mein“ sagt nur noch einmal: Jesus ist Gott und Gott ist Jesus. Sie sind eins. Aber jetzt kommen wir, die Menschen noch ins Spiel. In ihnen bin ich verherrlicht! In ihnen, in den Menschen ist Jesus, ist Gott verherrlicht.
In Ihnen, jetzt großgeschrieben, ist Jesus, ist Gott verherrlicht: In Ihnen, in Dir, in mir.
Unglaublich, unglaubliches Bild vom Menschen, faszinierende Auffassung vom Menschen.
Die, die ihn erkannt haben sind von ihm erfüllt, mit ihm in Berührung, von ihm geprägt, leben in ihm, sind hineingenommen in das Verhältnis Gott- Jesus.
Im Kern unserer Existenz sind wir nicht von Gott getrennt.
Wir dürfen es ähnlich wie Jesus kurz vor seinem Ende sehen: wir existieren ewig, wir sind an diesen Gott anhängend mehr als das, was wir Körper nennen. Wir waren, wir sind und wir werden sein.
Klingt genauso philosophisch wie bei Johannes? – mag sein. Ist aber genauso existentiell bedeutsam wie bei Johannes:
Habt keine Angst vor diesem Leben, habt keine Angst vor dem Tod. Ihr habt nichts zu befürchten, nichts in diesem Leben und erst recht nicht von Gott: Ihr seid schon bei Gott, untrennbar mit ihm verbunden.
Wer das verinnerlicht hat, in sich aufgenommen hat, sich bewusst macht, ist unabhängig von den Moden des Zeitgeistes, unabhängig von den Urteilen der anderen, und ist doch gleichzeitig tief mit ihnen verbunden: Gott ist Jesus, Jesus ist Gott und der glaubende Mensch mittendrin in diesem Verbund.
Untrennbar von Gott, untrennbar vom anderen.
Das nenne ich die wahre Freiheit, die Freiheit Jesu, die Freiheit der Kinder Gottes.
