1. Februar, 4. Sonntag im Jahreskreis

Muss man nach diesen Lesungen und diesem Evangelium des heutigen Tages eigentlich noch irgendetwas ergänzen? Muss man das noch interpretieren? Muss man tatsächlich noch einmal wiederholen auf welche Seite sich Gott mit Jesus gestellt hat?

 

Muss man tatsächlich noch einmal darauf hinweisen, dass Christen und Kirchen im Zweifelsfall immer auf der Seite der Benachteiligten, der Armen und der Gedemütigten zu stehen haben? Kann es überhaupt Zweifel darüber geben, dass Gott sich NICHT mit den Mächtigen, den Herrschenden und Besitzenden gemein macht?

 

Offenbar lautet die Antwort in diesen Zeiten ja- ja, man muss das tun, ja, man muss darauf hinweisen, zu was uns die biblische Botschaft als Christen verpflichtet.

Viel zu stark vereinnahmen in Ost UND West die Potentaten die Kirchen als Alliierte und als Legitimation für ihr ungerechtes Denken, Reden und Handeln.

 

Auch wenn die offizielle russische Kirche im Osten und starke evangelikale und konservativ-kirchliche Kräfte im Westen zunehmend mit den Mächtigen liebäugeln wird es nicht richtiger.

Mit dem Auge auf das Kreuz und dem Ohr auf die Bergpredigt gerichtet kann es keine Zweifel geben, wo Christen zu stehen haben: Auf der Seite derer, die immer mehr zum Spielball derer werden, die nur ihre eigene Position und ihr eigenes Portfolio im Blick haben.

 

In einer Welt, in der wieder zunehmend das Recht des Stärkeren zu gelten scheint, haben die Kirchen die Pflicht das Recht des Schwächeren hochzuhalten. Ohne Wenn und Aber, aber auch ohne Schaum vor dem Mund: Mit innerer Stille im Gebet, mit Gerechtigkeit und Mut im Reden und mit Konsequenz im Handeln.

 

Warum? Weil unser Vorbild Jesus Christus genau da stand, bis er hing- am Kreuz. Er hat sich auf keine inzwischen so beliebten und sogenannten Deals eingelassen.

Pilatus hätte ihn liebend gerne laufen gelassen, wenn Jesus sich auch nur ein wenig bewegt hätte. Tat er aber nicht.

Und auch in der Bergpredigt lässt Jesus keinen Raum für Zweifel an wessen Seite er sich -und mit ihm Gott- stellt: Selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich.

 

Eigentlich klar und doch so oft erliegen wir Christen der Versuchung uns an die Rockzipfel der Mächtigen zu hängen. Es ist ja menschlich nachvollziehbar. Es lebt sich als Organisation und als Einzelner eben einfacher im Schatten derer, die am Ruder sitzen. Wenn die Mächtigen die Macht haben, Dich wie in Russland in Lagern oder in Gefängnissen auf Lebenszeit verrotten zu lassen, überlegt man sich Widerstand dreimal. Und wenn der sogenannte mächtigste Mann der Welt in den USA Leute aus ihren Häusern zerren lassen kann oder die Mörder von unschuldigen Demonstranten beschützen lässt, dann denkt man ebenfalls erst einmal nach, bevor man sich dem in den Weg stellt.

Dann lieber Gebete für die Mächtigen als ihnen in den Arm fallen.

 

Hier in Brüssel, in der EU lässt es sich leicht von der Kanzel fordern, sich gegen die Großen zu stellen, weil es für mich als Einzelnen keine gefährlichen Konsequenzen hat. Im Gegenteil, ich kann mich wohlfühlend zurücklehnen, mir vormachend, doch auf der richtigen Seite zu stehen.

Hochachtung also vor denen, die Konsequenzen befürchten müssen und es dennoch tun!

 

Wir müssen es aber nicht bei den wohlfeilen Predigten und Gebeten belassen und uns auf ihnen ausruhen.

 

Wir hatten uns in den zurückliegenden Jahrzehnten daran gewöhnt, dass wir als Christen eher zum Establishment gehörten. Es gab kaum Themen, bei denen Christen und die Mächtigen im Clinch lagen.

Die Friedensbotschaft der Bibel wurde auch vehement von den Grünen vertreten, ebenso wie der Einsatz für den Erhalt der Schöpfung;

der Einsatz für die Benachteiligten schien lange bei den sozialdemokratischen Parteien ein Zuhause gefunden zu haben; und die konservativen und christlichen Parteien sorgten dafür, dass die Kirchen ihre Privilegien halten und ihre Traditionen pflegen konnten.

Da übersah man schon einmal gerne, dass viel zu viele im herrschenden Wirtschaftssystem unter die Räder kamen und Jesus an vielen Stellen doch anderes gepredigt hatte als das, was die Regeln unseres Gesellschaftsmodells vorsahen. Und weil es doch ganz gut lief, kniff man lieber das ein oder andere Auge zu als auf die Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Es meinte ja niemand wirklich böse, der gute Wille und die Einsicht, dass es eigentlich noch besser gehen müsste, reichten oft zur Absolution. Ach was für schöne Zeiten.

 

Jetzt aber merken wir, dass sich Dinge verschieben. Die Mächtigen in der Politik müssen sich immer mehr mit den Großen der Konzerne arrangieren, die immer weniger Interesse an sozialer Marktwirtschaft und Verantwortung für die Gesellschaft zeigen, aber umso mehr Interesse an dem Zuwachs des eigenen Reichtums und das der Aktionäre.

Wenn die Milliardäre sich vermehren und es bald sogar Billionäre geben könnte, deren Besitz den Staatshaushalt vieler Länder übertrifft, dann wird deutlich, wer am Ende die Macht in den Händen halten könnte oder schon hält.

 

Umso mehr aber leuchtet das biblische Wort wieder neu.

Seht auf eure Berufung, Schwestern und Brüder!
Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen.
Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten,
damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott.

Oder: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.
Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.

 

Biblische Worte können zu Leuchttürmen werden, zu Orientierungshilfe in einer verwirrten, erschütterten Welt.

Und wenn wir uns dann durch diese Worte gestärkt haben, dann sind wir gefragt.

Wie eben schon einmal formuliert: Mit innerer Stille im Gebet, mit Gerechtigkeit und Mut im Reden und mit Konsequenz im Handeln.

 

Immer dann, wenn Menschen, Institutionen, Parteien oder Regierungen Positionen vertreten, die sich gegen die Schwachen und Bedürftigen richten, dann sind wir dran, egal, ob die Schwachen in Kriegen bombardiert werden, in menschenunwürdigen Verhältnissen leben müssen oder schlecht behandelt werden, weil sie einer Minderheit angehören oder Schutz vor Verfolgung suchen.

Jeder von uns hat seine Grenzen, jeder hat seine Möglichkeiten, manche eben nur sehr kleine, andere Größere. Je nachdem können wir entscheiden, ob wir uns in innerer Stille im Gebet an Gott für die Schwachen einsetzen, mit Gerechtigkeit und Mut im Reden oder mit Konsequenz im Handeln. Im Idealfall in diesem Dreiklang.

 

Nur über eines sollten wir uns klar bleiben. Jesus und die Mächtigen waren nie Freunde, es sei denn sie setzten ihre Macht für die Schwachen ein. Das bleibt für uns Christen ein wichtiger Maßstab: Dienen dieser Politiker, dieser Wirtschaftsboss und dieses Parteiprogramm den Schwachen und Bedürftigen oder belassen sie diese in ihrer Position oder verstärken sie sogar? Dienen sie der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und dem Frieden oder eben nicht?

Einfache Fragen. Unsere Antworten darauf bestimmen mit darüber, ob die Armen, die Trauernden, die Sanftmütigen, die, die nach Gerechtigkeit Dürstenden, die Barmherzigen, die Friedenstifter und die Verfolgten selig sind- oder eben nicht.