1. Fastensonntag

Gen.2, 7-9.3,1-7

 

„Was ist der Mensch, das Du Dich seiner annimmst?“- so fragt der Dichter des 8. Psalms.

 

Eine Frage, die sich jeder Mensch sicher immer mal stellt- zumindest den ersten Teil der Frage „Was ist der Mensch?“

 

„Warum ist er in diese Welt gesetzt?

Warum den Gesetzmäßigkeiten der Welt unterstellt,  gebeugt von ihren Anforderungen, den Ängsten der Existenz ausgesetzt?“

 

Das ist selbstverständlich nichts Neues. Seitdem der Mensch im Laufe der Evolution des Denkens fähig wurde, ist das seine Frage gewesen: „Was ist der Mensch denn eigentlich?“ Verbunden mit der Frage: „Wozu bin ich in der Welt?“

 

Warum nun  sollten die Menschen zu biblischen Zeiten anders gewesen sein?

Selbstverständlich setzten sie sich ebenfalls mit dieser Frage auseinander.

Die eben gehörte Lesung aus dem ersten Buch der Bibel, Genesis, ist ein Zeugnis für eben diese Auseinandersetzung.

Sie ist das Ergebnis einer Beobachtung und einer  Glaubensüberzeugung.

Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen, das eigentlich schon lange keines mehr sein sollte: Die Geschichte vom Paradies und der daraus erfolgten Vertreibung ist keine objektive Beschreibung.  Auch der damalige Autor hat vermutlich nicht daran geglaubt, dass Gott den Menschen genau auf diese Weise erschaffen hat.

Der  Autor wollte mit seiner Geschichte lediglich eine Tatsache herausstreichen, nämlich DASS Gott der Ursprung des Menschen ist, aber nicht WIE er ihn geschaffen hat. Und dazu hat er diese Geschichte, vermutlich aus teilweise schon vorgefundenen mündlichen Erzählungen zusammengestellt.

Ich denke wir können ihn uns als einen suchenden Menschen vorstellen. Vielleicht jemand, der zwar davon überzeugt war, dass Gott den Menschen mit guter Absicht erschaffen hatte, aber auch einer, der gleichzeitig daran verzweifelte, dass dieses Geschöpf in der Lage war, gegen Gott zu sein und gegen seine  Gebote zu handeln.

Diese Gedanken und Fragen wurden die Grundlage für seine Erzählung.

Für ihn war klar, dass der Mensch gedacht war in Einheit mit Gott zu leben.

Das, was er mit dem Paradies beschrieben hat, gibt genau dies wieder: ein fiktives Land, ein biblisches Utopia, genannt Eden.

Das soll beschreiben, dass es eben außerhalb dessen lag, was heute menschlicher Lebensraum ist. Ein Land, in dem Gott und Mensch in Einheit lebten, Himmel also.

 

Dann beschreibt er im Verlauf der Erzählung über die Symbole von Schlange und Baum der Erkenntnis, dass der Mensch offenbar aus diesem paradiesischen Zustand herausgefallen ist.

Für den bibl. Autor ist also das menschliche Leben, wie er es vorfand eine Folge der Trennung von Mensch und Gott.

 

Noch also ist das alles nur Beschreibung dessen, was der Autor als menschliche Existenz vorfand. Noch hat er keine Antwort auf die Frage: „Was ist der Mensch?“

Die aber deutet sich im ERSTEN Satz an, den wir in der Lesung gehört haben: „Gott der Herr formte den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem“

 

Natürlich sind wir nicht aus Erde geschaffen, aber wir sind Materie, aus dem gleichen Stoff, aus dem alles Physikalische ist. Wir sind also Teil der Welt, Teil der Erde, aus dem gleichen Material.

Aber: wir sind gleichzeitig mehr als das: Gott blies uns seinen Atem ein. Wir sind von Gott inspirierte Geschöpfe, von ihm durchdrungen, im Kern Teil von ihm.

So weit, so gut. Mehr haben wir in der heutigen Lesung nicht gehört. Aber immerhin. Dies ist der Ausgangspunkt biblischen Denkens über den Menschen: Wir sind Geschöpfe zweier Welten: dem Irdischen verhaftet und dennoch mit dem Göttlichen verbunden.

 

Wir sind damit ein kleines Stück weiter bei der Suche nach der Antwort auf die Frage „Wer wir sind“.

 

Wenn wir vom Anfang der Bibel ganz an das Ende gehen finden wir im Buch der Offenbarung den Satz „Komm Herr, komme bald!“ Ein Ruf, der sich an den auferstandenen Christus richtet, doch nun bald zurückzukommen, um die Erde endgültig wieder in den Ursprungszustand, der am Anfang Paradies genannt wird, zurückzuversetzen.

Hier wird Gott als das Ziel menschlichen Lebens beschrieben, zu dem wir alle wieder zurückgehen. Gott als Anfang und Ende, als Ursprung und Ziel menschlicher Existenz.

Auch hier wieder, so weit so gut.

 

Aber was ist nun mit der Zeit dazwischen? Warum leben wir? Warum sind wir hier? Es muss doch mal erlaubt sein zu fragen, warum Gott uns erst in diese Welt entlässt, nur um uns später wieder heimzuholen? Warum dieses ewige Geboren-werden und Sterben?

Hätte ich die goldene Antwort darauf, wäre das so etwas wie das Entdecken der Weltformel. Also bitte keine zu hohen Erwartungen.

Da aber m.E. jeder Mensch für sich eine Antwort auf diese existentielle Frage braucht, habe ich natürlich auch eine für mich- und die lautet: Ich bin hier um die Erfahrung der Liebe zu machen. Die Liebe wiederzuentdecken. Nicht mehr und nicht weniger.

Grund unseres Daseins scheint mir zu sein, im Auf und Ab dieser Welt, im hellen Licht der Sonne, im Dunkel der Nacht, in der Wärme menschlichen Zusammenseins und in der Kälte des Hasses, die Liebe zu finden.

 

Sie wissen, dass für mich der Glaube daran, dass Gott die Liebe an sich ist, von zentraler Bedeutung ist. Die Liebe aber kann nie für sich sein, die Liebe ist auf den anderen ausgerichtet. Ein Gott der Liebe kann nicht ohne Gegenüber sein.

Ich glaube, dass ich in der Welt bin, weil Gott den Menschen als Gegenüber für seine Liebe geschaffen hat.

Nun wissen wir alle, dass Liebe neben der Notwendigkeit eines Gegenübers vor allem auf Freiwilligkeit beruht. Liebe kann nur freiwillig gegeben werden. Erzwungene Liebe ist niemals Liebe, niemals!

Deswegen ist der Sinn menschlichen Lebens die Entdeckung der Liebe Gottes. Erst im Abstand von ihm, erst in dieser anderen Existenz, die mit so viel Not verbunden ist, kann uns die Sehnsucht nach dieser Liebe  bewusst werden.

Diese Sehnsucht  ist in uns allen angelegt.

Deswegen reagieren wir so intensiv auf die Erfahrung menschlicher Liebe, weil uns darin auch immer ein Teil göttlicher Liebe begegnet.

Menschliche Existenz hat also immer den Sinn, sich daran zu erinnern, wer wir wirklich sind: von Gott geliebte Geschöpfe, auf seine Liebe ausgerichtet,  dafür da, aus dieser Gegenwart zu leben, sie zu erwidern, sie zu bezeugen.

 

Am ersten Sonntag der Fastenzeit wird uns deswegen diese  Textstelle vor Augen gestellt: Erinnert Euch, wer Ihr seid: zwar aus Erde geschaffen, unter das Gesetz der Welt gebeugt, aber von Gottes Geist der Liebe angehaucht.

Richtet Euch nach dieser Liebe aus, verzagt nicht auch angesichts des Dunklen, Ihr könnt  Euch aufrichten, dann  werdet Ihr das Leben finden.