Gedanken zum Tag, 9. Juni

Am vergangenen Samstag haben wir mit einem vermeintlich letzten “Gedanken” diese Rubrik bis auf Weiteres geschlossen. Daraufhin sind einige Nachrichten eingegangen, die darüber großes Bedauern geäußert haben. Guy Knapton hat sogar gleich einen weiteren formuliert, den Sie weiter unten lesen können.

Die Entscheidung darüber, was und wie aus der Zeit des Confinements in die “neue” Zeit hinübergerettet wird ist längst noch nicht gefallen. Das werden wir ausführlicher im Gemeinderat  besprechen. Möglicherweise werden dann auch die “Gedanken zum Tage” wieder im vollem Umfang aufgenommen.

Danke an Guy Knapton für die für heute formulierten Gedanken. Sie finden hier das Original in Englisch und darunter die deutsche Übersetzung:

 

I defy any member of our congregation to have ignored the murder by a uniformed policeman of a black American citizen in Minneapolis. No one can have ignored the raw indignation of the millions of people who took to the streets of towns and cities across the globe to protest at injustice. In the face of such hideous injustice, how should we Christians, we Roman Catholics, respond? What can we do to redress the injustice in our society, in societies across the globe? What should we do?

I find the facts and the questions they raise utterly bewildering. With determination and difficulty in roughly equal proportions, I want to lead a Christian life. In the terms of what used to be called the penny catechism of Catholic doctrine, I wish to honour the ten commandments. I seek to treat my neighbours as I wish to be treated by them. I am willing to forgive my neighbours for their trespasses against me because I believe in the forgiveness by a merciful Saviour of my own trespasses.

Yet, with all these favourable intentions, I live in a world stained by injustice beyond all permissible recognition. On account of an alleged petty crime and of the colour of his skin, a black man is murdered in cold blood by an officer of the State whose principal duty is to protect all of us from danger and injustice. Yet, I do nothing more than wring my hands in despair at what I think I cannot change. I find myself confronted with shameful feelings of hypocrisy in myself and with an acute attack of what Leon Festiger called cognitive dissonance. They are painful conditions.

In my despair, I turned not to Henry Newman — although he might be a great help — but to John Rawls, the moral philosopher. His theories of justice are hard going but his “veil of ignorance” is just within my grasp. If we wish the symbolic and real injustice of Minneapolis and elsewhere to be resolved in favour of what Rawls calls fairness, we shall have to wear the veil of ignorance. Then, we could not distribute fairness on the basis of skin colour; of gender; of rank; of social class; of wealth; of position; or of any other symbol. We would acknowledge that we are all, yes all, made by God and in His image and likeness.

I am hopeful that the events of the past ten days will prove to be a tipping point in distributed justice. It’s long overdue and redress is available. It has to be, because “a man’s reach should exceed his grasp. Or, what’s a Heaven for?” (Robert Browning)

 

Guy Knapton, June 2020

 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeinem Mitglied dieser Gemeinde der Mord eines schwarzen Bürgers durch einen uniformierten Polizisten in Minneapolis entgangen ist. Niemand kann die nackte Empörung von Millionen ignoriert haben, Millionen, die auf die Straßen von Metropolen und Städten rund um die Welt geströmt sind, um gegen Ungerechtigkeit zu protestieren. Im Angesicht dieser grausamen Ungerechtigkeit, wie sollten wir Christen, wie sollten wir Katholiken reagieren? Was können wir gegen die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft, in Gesellschaften überall auf der Welt, tun? Was sollten wir tun?

Ich finde die Fakten und die Fragen, die sie aufwerfen, völlig verwirrend. Mit Entschlossenheit und Schwierigkeit gleichermaßen versuche ich ein christliches Leben zu leben. Ich möchte die Zehn Gebote befolgen, wie es mich der Katechismus als Kind gelehrt hat. Ich versuche meine Nachbarn so zu behandeln, wie ich von ihnen behandelt werden möchte. Ich bin bereit, meinen Nachbarn ‚ihre Schuld zu vergeben‘, weil ich daran glaube, dass mir ein gnädiger Gott und Retter meine eigene Schuld vergibt.

Und doch, mit all diesen guten Vorsätzen lebe ich einer befleckten Welt, einer Welt, die von Ungerechtigkeit jenseits aller Vorstellung gezeichnet ist. Wegen des Verdachts einer unwesentlichen Straftat und aufgrund seiner Hautfarbe wird ein schwarzer Mann von einem Beamten kaltblütig ermordet, einem Beamten, dessen wesentliche Pflicht es ist uns alle vor Gefahr und Ungerechtigkeit zu beschützen. Und doch, ich tue nichts als in Verzweiflung meine Hände zu ringen, in Verzweiflung über eine Situation, die ich meine, nicht ändern zu können. Ich werde konfrontiert mit dem beschämenden Gefühl meiner eigenen Heuchelei. Ich bin Opfer eines akuten Anfalles von ‚kognitiver Dissonanz‘, wie es Leon Festiger genannt hat. Das sind schmerzliche Bedingungen.

In meiner Verzweiflung habe ich mich (dieses Mal) nicht an Henry Newman gewendet – obwohl er eine große Hilfe sein könnte – sondern an John Rawls, den Moralphilosophen. Seine Theorien von Gerechtigkeit sind schwer verdaulich, aber sein ‚Schleier des Nichtwissens‘ ist mir gerade noch verständlich. Wenn wir die symbolische und reale Ungerechtigkeit in Minneapolis und anderswo zugunsten dessen, was Rawls Fairness nennt, auflösen wollen, dann müssen wir den ‚Schleier des Nichtwissens‘ tragen. Dann würden wir ‚Gerechtigkeit als Fairness‘ nicht auf der Basis von Hautfarbe, Geschlecht, Rank, sozialer Stellung, Reichtum, Job, oder irgendeines anderen Symbols verteilen. Wir würden anerkennen, dass wir alle, ja alle, von Gott als Seine Ebenbilder geschaffen worden sind.

Ich hoffe, dass die Geschehnisse der letzten zehn Tage als Wendepunkt der Verteilungsgerechtigkeit in die Geschichte eingehen werden. Es ist überfällig, und Abhilfe ist möglich. Sie muss möglich sein, weil ‚des Menschen Reichweite sein Verständnis übersteigen sollte. Oder wofür gibt es den Himmel?’