Gedanken zum Tage, 6. Juni

Vorerst zum letzten Mal formuliere ich heute die Gedanken zum Tage.

Bald schon werden wir wieder „richtig“ und „miteinander“ Gottesdienste feiern, bald schon starten wieder einzelne Veranstaltungen, bald schon dürfen wir wieder durch das Land und durch Europa fahren, bald schon dürfen wir wieder in Restaurants und Cafés sitzen und unsere Körper in Fitnessstudios stählen, bald schon ist alles wieder fast normal.

Was doch Grund zur Freude sein sollte, löst bei mir auch  andere Gefühle und Gedanken aus.

Auch wenn ich weiß, dass es für viele Familien in den letzten Wochen und Monaten sehr schwer war, Kindererziehung und Homeoffice unter einen Hut zu bringen, auch wenn ich selbstverständlich darüber froh bin, dass unsere Gesellschaft Corona mit einem glimpflichen Auge überstanden zu haben scheint, finden sich auch Gedanken der Trauer.

Schließlich schreibe ich heute zum vorerst letzten Mal die Gedanken zum Tag, weil wir ab Montag damit beginnen werden alles für die Wiederaufnahme des Betriebes vorzubereiten. So vieles muss geregelt werden. Unter den Bedingungen, die zur Wiederaufnahme der öffentlichen Gottesdienste gehören, können wir nicht alle Messen in St. Paulus halten. Andere Kirchen müssen besichtigt und mit deren Pfarrern verhandelt werden. St. Paulus selbst muss so  umgeräumt und eingerichtet werden, dass alles den Auflagen entspricht. Es müssen Formen gefunden werden, die unsere Frömmigkeit ausdrücken, ohne dass wir singen dürfen, physischen Kontakt aufnehmen dürfen, Weihwasser und Gebetbücher nutzen dürfen. Wir müssen Ordner bestimmen, die die Gläubigen auf ihre Plätze führen, ein System entwickeln mit dem sich Leute für Gottesdienste eintragen können, weil nicht alle zu allen gewünschten Zeiten teilnehmen werden können.

Menschen, die Teile unserer Räumlichkeiten angemietet haben melden sich, weil sie ihre Veranstaltungen wieder aufnehmen möchten. Dafür müssen Bedingungen erarbeitet werden und die Räume entsprechend eingerichtet sein.

Hatte ich weiter oben von Wiederaufnahme des Betriebs gesprochen?

Betrieb?

Wir sind doch eine Kirchengemeinde. Aber es fühlt sich an wie Betrieb.

Und so ahne ich, dass das Hamsterrad sich langsam wieder anfängt zu drehen. Und was für unsere Gemeinde gilt, gilt für viele andere Bereiche auch: Die Freizeiteinrichtungen fahren langsam wieder hoch, Homeoffice wird reduziert, die Straßen füllen sich wieder mit Autos, die täglichen Staus werden wieder zur Gewohnheit, am Morgen wird es wieder Fluglärm statt Vogelgezwitscher geben, das uns weckt und am Abend werden wir nicht mehr zusammen um 20h ein gemeinsames, alle miteinander verbindendes Klatschen hören, sondern jeder geht wieder seinen individuellen Vergnügungen nach. Alles wie gehabt.

Sind die Mächte, die äußeren und die in uns selbst zu groß,  um sie dauerhaft in ihre Schranken zu weisen? Muss alles so laufen wie es früher war, damit die Wirtschaft wieder brummt, unser volles Leben nicht erfüllt, aber voll beschäftigt bleibt?

Können wir endlich wieder die Zeit totschlagen, die sich- nicht für alle- aber doch für viele plötzlich als unendliche Möglichkeit auftat, aber dann als Langeweile, gar als zu füllende Herausforderung erschien?

Sind wir wirklich nicht in der Lage, auszusteigen aus dem, was unseren Planeten, unsere Gesellschaften und oft genug uns selbst krank machen?

Wie oft bin ich fasziniert von den Textstellen in der Bibel, in denen zum Vertrauen auf Gott aufgerufen wird, dazu sich um nichts Sorgen zu machen, weil für uns gesorgt ist.

1Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe nachgraben und stehlen. 20 Sammelt euch aber Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fressen und da die Diebe nicht nachgraben noch stehlen. 21 Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.

 25 Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung? 26 Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? 27 Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget? (Mt 6,19-21.25-27)

 Sind das nur Sonntagspredigten? Können wir nicht wie die Lilien auf dem Feld in den Tag hineinleben, uns am Leben an sich erfreuen, uns mit dem kleinen Dach über dem Kopf und den gefüllten Tellern zufrieden geben? Bin ich innerlich so leer, dass ich mich äußerlich vollstopfen muss mit all dem doch eigentlich so überflüssigem Gerümpel und Tand?

Wie passend dazu fällt mir dazu die heutige Schlagzeile der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung ins Auge: „Die Kauflaune dürfte jetzt steigen“.

Innerlich steigt bei dieser Zeile Wut und Trauer in mir auf. Darauf ist unser Leben gebaut, auf Kauflaune. Wenn diese wieder steigt wird alles wieder gut.

Schreien möchte ich: Haben wir denn in den letzten Wochen nichts gelernt? Fällt es uns so schwer, das Ruder herumzureißen? Kann das Fundament unserer Gesellschaften tatsächlich nicht umgebaut werden? Was muss denn noch geschehen? Reicht nicht ein Virus? Brauchen wir gleich mehrere, um zu verstehen, dass am Fundament unseres Lebens etwas nicht stimmt?

Reichen nicht die immer deutlicher werdenden Zeichen  des Klimawandels oder der krassen Folgen der ungleichen Verteilung von Gütern und Chancen in unserer Welt?

Was braucht es noch, um das Ruder herumzureißen?

Ach, darüber werden wir uns dann wohl ein anderes Mal Gedanken machen müssen. Jetzt ist keine Zeit dafür, denn wir müssen ja alles wieder hochfahren. Da bleibt  kein Platz mehr für so einen Luxus wie  „Gedanken zum Tage“.

Wolfgang Severin