Gedanken zum Tage, 29. Mai

Wie ein Rosenkranz

 

Die seit 1991 bestehende Aktion „Unwort des Jahres“ möchte das Augenmerk auf Formulierungen richten, die entweder negative Assoziationen hervorrufen oder gegen sachliche Angemessenheit verstoßen. Bis zum 31. Dezember sind die Vorschläge für das zurückliegende Jahr einzureichen. Ein Wort, mit dem sich die Jury in diesem Jahr wohl intensiv beschäftigen wird, ist das Wort „Corona“: Millionenfach tauchte es in Verbindung mit so negativ konnotierten Wörtern wie „Katastrophe“ (14,5 Millionen Google-Einträge), „Epidemie“ (12,6 Millionen Einträge) oder „Krise“ (88 Millionen Einträge) auf. Laut Satzung darf die Jury bei ihrer Entscheidungsfindung allerdings nicht nur Internet-Einträge auswerten, sondern sollte möglichst viele unterschiedliche Wortfelder, darunter auch Lexikonartikel, einbeziehen. Den Vorschriften ensprechen würde wohl folgender Satz aus einem enzyklopädischen Eintrag: „Der Name Corona oder Rosenkranz bezeichnet eine aus Rosen, d.h. aus Gebetsformeln gewundene Ehrenkrone für die Hochgebenedeite“ (https://www.google.com/search?tbm). „Corona“ – der „Rosenkranz“, wäre ich nicht zufällig auf den Satz gestoßen, nie wäre mir die Verbindung aufgefallen. Aber es gibt sie tatsächlich, die positiv konnotierte „Corona“, die nicht für eine schreckliche Krankheit, sondern für ein Gebet steht – ein Gebet, das eine Urverbundenheit mit dem Göttlichen zum Ausdruck bringt.

 

Nun bin ich keine Rosenkranz-Spezialistin, um ganz ehrlich zu sein: Ich habe den Rosenkranz noch nie gebetet. Aber seitdem ich weiß, dass das Wort „Corona“ nicht nur eine Kranhkeit bezeichnet, begebe ich mich auf „Corona-Spurensuche“ und stelle fest, dass die „Corona-Gebetsvariante“ Spuren im Bereich der Literatur hinterlassen hat. So zum Beispiel in den Gedichten der Annette von Droste-Hülshoff (jener zierlichen Dame, die Ende des 18. Jhs. auf Burg Hülshoff bei Münster geboren wurde und neben schaurigen Gedichten auch so genannte „geistliche Lieder“ schrieb). Das Lied, das Parallelen zum Rosenkranz aufweist, heißt „Abend“ und wurde 1819 verfasst. Die erste Strophe beschreibt eine eindrucksvolle Nachtszenerie: „Der Tag ist eingenickt/Beim Wiegenlied der Glocken;/Zum Blumenkuss sich bückt/Der Tau auf leisen Socken;/Die Sterne sammeln sich/Sie winken sich und drehen;/Fern hör ich Tritte gehen,/Doch ruhig ist’s um mich.“ Auffällig ist hier der letzte Vers („Doch ruhig ist’s um mich“), der als rhythmischer Gegen- und Ruhepol zu den quirligen Personifizierungen der vorangehenden Verse fungiert: den singenden Glocken, dem in den Schlummer gleitenden Tag, dem sich zu den Blumen hinabbückenden Tau, den sich gegenseitig zuwinkenden Sternen. Das lyrische Ich kommt hier zur Ruhe, ähnlich wie der Rosenkranz-Betende, der beim Berühren der ersten großen Perle und dem Aufsagen des „Vater unser“ seine Aufmerksamkeit auf sein Inneres lenkt. Beim Berühren der zweiten Perle spricht der Betende das Ave Maria. Dem entspricht in unserem Gedicht die zweite Strophe, in der sich das göttliche Zwiegespräch anbahnt: „Und wie die dunkle Nacht/Deckt Land und Meeresgründe/und was der Mensch vollbracht/Sein Heil und seine Sünde/Vor Dir ist alles klar/Wie Flammenschriften glühen;/Wer mag sich dir entziehen?/Den je dein Wort gebar?“ Kann man sich innigeren Dialog vorstellen? „Innig“ insofern, als hier unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen: „Heil“ und „Sünde“ werden von Gott anders gewichtet, als dies von den Menschen getan wird, deren Betrachtungsweise bewussten oder unbewussten Begrenzungen unterliegt.

 

Leider werde ich, schon allein aus Platzgründen, an dieser Stelle nicht alle Strophen des Gedichts aufführen können. Aber ist es nicht sonderbar, dass „Abend“ genau neun Strophen umfasst? Auch der Rosenkranz – zumindest die klassische Variante – enthält 9 Perlen (drei kleine und sechs große) und damit neun Gebetsformeln. Ich glaube nicht an Zufälle, schon gar nicht im Bereich der Literatur. Die zierliche Dame, die das Gedicht geschrieben hat, wusste genau, dass das, was sie da schrieb, kein romantisierendes Abendgeplänkel war. Sie wusste, was sie tat, als sie das lyrische Ich ihres Gedichts in einen göttlichen Dialog eintreten ließ, einen dem Rosenkranz nachempfundenen Dialog.

 

Eines jedenfalls ist klar: Die Sprachgelehrten werden bei der Auswertung von (vermeintlichen?) Unwörtern keine Langeweile empfinden.