Gedanken zum Tage, 29. Juni, Petrus und Paulus

Lieber Paulus!                                                                   Brüssel, am 29.06.2020

 

Ich schreibe Dir diesen Brief, weil mich eine Frage beschäftigt, die Du besser als viele andere beantworten kannst – aber erst möchte ich ein wenig Kontext schildern.

Du bist in einer Stadt namens Tarsus in Kleinasien geboren, und zwar ungefähr zur gleichen Zeit wie Jesus (Dein genaues Geburtsjahr geschweige denn Datum sind unbekannt). Deine Familie gehörte zu einer Gruppe von Diasporajuden, wie es sie in vielen größeren Hafen- und Handelsstädten im Mittelmeerraum vor etwa 2000 Jahren gab. So hast Du, wie unzählige Menschen heutzutage auch, in der Schnittmenge unterschiedlicher Kulturen gelebt: die häusliche jüdische und die öffentliche hellenistische, was Dich dazu befähigt, sowohl in jüdischen als auch griechischen Kategorien zu denken, und sogar die einen in die anderen zu „übersetzen“. Du weißt sehr gut, was es heißt, sich in anderen Traditionen zurecht finden zu müssen, um verstanden zu werden.

Früh begannst Du zu reisen: so hast Du als Jugendlicher Deine Ausbildung in den jüdischen Schriften in Jerusalem erhalten. Später bist Du zur Verfolgung von Christengemeinden durch Palästina und Syrien gereist – und erst recht zur Verkündigung der Frohen Botschaft durch buchstäblich die halbe damals bekannte Welt! In drei Reisen hast Du unzähligen Gefahren getrotzt:

Steinigungsversuche, Schiffbrüche, Raubüberfälle, Krankheiten, Festnahmen, Gefängnisaufenthalte – ganz abgesehen von den „normalen“ Anfeindungen, die Du bei der Verkündigung Deines Glaubens in der jeweiligen Gesellschaft erfahren hast. Ein Phantombild von Dir auf einem antiken Steckbrief hätte nach Arbeiten des LKA NRW so aussehen können: Datei kann nicht angezeigt werden

Du warst für Deine damalige Umwelt sicher kein einfacher Zeitgenosse und hast Dich selten Konflikten entzogen. Wie Deine Briefe lesen lassen, hast Du ganz im Gegenteil auch deutlich Stellung bezogen, wenn Du es für angezeigt hieltst (und über Deinen selbstformulierten Anspruch auf das Apostolat konnte man sicher nicht mit Dir reden).

Das bringt uns zu meiner Frage: Menschen, die zu außergewöhnlichem Tun berufen sind, dürfen keine Angst haben. Gabriel beruhigt Maria zu Beginn ihres Gespräches mit der Aufforderung: „Fürchte Dich nicht“ (Lk 1, 30). Wenn es keine Botschaft eines Engels war (die dann nicht niedergeschrieben wurde), woher schöpfst Du Deine Gewissheit, dass „weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtige noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur“ uns von der Liebe Gottes scheiden können (Röm 8, 38f.)? Woher „weißt“ Du, dass Gott sich aller (Menschen) erbarmen wird (Röm 11, 32)?

Wenn wir doch heute in unserer Welt ab und an an Deinem Mut aus der tiefen Überzeugung in Gottes Zuwendung und im Vertrauen in Sein Heilswerk durch Jesus Christus teilhaben könnten, ergäben sich unerschöpfliche Möglichkeiten zur Freiheit im Sein, wie Du sie leben konntest – ohne Angst vor den Mächten der Welt… Wie schön wäre es, wenn Du uns nicht nur Beispiel, sondern auch Lehrer sein könntest…

Lieber Paulus von Tarsus, alles Gute zum Namenstag!

Astrid Fischer