Gedanken zum Tage 25. Mai

Confinement, lockdown…Das klingt nach unendlichen Beschränkungen: kann ich meine Eltern in Deutschland besuchen? Meine Tochter zu ihrem Vater bringen? An der Abiturverleihung meiner Enkelin teilnehmen? In den lang geplanten Urlaub meines Lebens fahren? In den meisten Fällen ist die Antwort allenfalls ‘vielleicht’, nicht ’selbstverständlich, der Flug ist gebucht, das Auto betankt…’

 

Und trotzdem: Gleichzeitig ist es für mich eine Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten, eine Zeit, in der es keine Grenzen mehr gibt, wo alles übergangslos ineinanderfließt. Arbeit fließt in die Abende und in das Wochenende, aber Freizeit fließt auch in die Woche, viel mehr als zuvor. Ich brauche ja höchstens aufzustehen, um etwas anderes zu machen, oder nicht einmal das, ich bleibe einfach vor dem Computer und statt Skype-meetings mit meinen Kollegen gibt es dann halt das Streaming eines Konzerts oder die virtuelle Yogastunde.

 

ich habe das zu Beginn dieser Zeit als unglaubliches Geschenk wahrgenommen. Zeit zum Klavierspielen, zum Kochen, zum Stricken, zum Aufräumen, zum Yoga, zum Lesen – Oh ja, viele so weibliche Beschäftigungen 🙂 und das bei mir, die sich ihr Leben lang gegen die drei K mit allen Fasern ihrer Existenz gestemmt hat. Ich habe Fortschritte in allen diesen Bereichen gemacht. Und wundervolle Opern bei  mir zuhause, auch wenn sie letztlich ein schaler Ersatz sind, aber ein so vielfältiger. Gestern gab es virtuelles Opernfestival in Glyndebourne mit dem hinreißenden Figaro, der mich 2013 das erste Mal in dieses idyllische Festival gebracht hat (wer es nicht kennt: www.glyndebourne.com). Unser Abend war gerettet, inklusive virtuellen Zoom-Picknick mit meiner Tochter (worüber ich dann diese Gedanken zum Tage vergessen habe. Kann ist das Mozart in die Schuhe schieben?).

 

Mein Mann hat endlich wirklich angefangen, das Buch zu schreiben, das er schreiben will, solange wir uns kennen.

 

Seine Begründung: Wir rennen ja nicht mehr so durch die Welt. In der Tat, das tun wir nicht.

 

Aber nun muß ich aufhören, so durch die Welt der virtuellen Möglichkeiten zu rennen.

 

Denn der Tag ist nicht länger geworden, selbst wenn Fahrzeiten weggefallen sind, auch meine Aufnahmefähigkeit ist nicht massiv größer geworden. Ich muß nicht nur die physischen Begrenzungen anerkennen, sondern auch die Grenzen in mir selber wahrnehmen. Und ich wünschte, ich könnte nach ihnen handeln.

 

Geht es Euch manchmal auch wie mir?

 

Manchen scheint es so zu gehen: Gerade heute schickt mir eine der unvermeidlichen Lifestyle-apps den folgenden ‘mindfulness tip for today’: ‘Say NO to something today’. Ich denke, ich sollte heute ’Nein’ zu meinen eigenen tausend Plänen sagen, Frieden in der Hektik finden.

 

Wie gut passt da auch das heutige Evangelium von Johannes (16,29-33). Wie alles bei Johannes ist es so vielschichtig, und die theologischen Auslegungen überlasse ich lieber Wolfgang und Nina, mir hat es einfach Sicherheit gegeben, heute früh (in der App ‘Pray as you go’, eine Morgenmeditation, die ich auch aus der unendlichen Welt der virtuellen Möglichkeiten in mein Leben gebracht habe):

 

“Die Stunde kommt und sie ist schon da, in der ihr versprengt werdet, jeder in sein Haus, und mich werdet ihr allein lassen. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.”

 

Katharina Knapton-Vierlich