Gedanken zum Tage 22. Mai

Nach und nach finden immer mehr von uns hier in Belgien – zumindest gelegentlich – den Weg zurück an ihren gewohnten Arbeitsplatz. Einerseits wohl ein Anlass, Bilanz zu ziehen über unsere Erfahrungen aus den letzten zehn Wochen. Andererseits auch ein Moment der Ungewissheit: Was erwartet mich bei meiner Rückkehr?

Was uns alle in den nächsten Wochen verstärkt erwartet, sind bestimmt Gesichtsmasken. Viele von uns haben sie schon verwendet, etwa beim Einkauf oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, und haben dabei vielleicht – bei allem Verständnis für ihren Nutzen, ja ihre Notwendigkeit – ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich. Da sind zunächst die rein physischen Auswirkungen: Man bekommt nicht unter allen Masken gut Luft, gerät also leicht außer Atem, der Riemen schmerzt hinter den Ohren, man ist beim Sprechen behindert.

Dazu kommen, für mich schwerer wiegend, die psychologischen Wirkungen: Das Tragen der Maske ist nicht neutral. Wenn ich sie vor meinem Gesicht habe, empfinde ich – in unterschiedlicher Intensität – Angst, Sorge, Trauer oder Zorn. Sie löst also jene Gefühle aus, die unser Hirnstamm in die Reaktionen Kampf oder Flucht übersetzt. Das liegt daran, dass mich die Maske, die ich trage, daran hindert, meinem Gegenüber meine guten Absichten durch meine Mimik in derselben Weise mitzuteilen wie sonst. Umgekehrt kann ich mein maskiertes Gegenüber auch weniger leicht einschätzen. Dazu kommen Erinnerungen an eigene Erlebnisse, die mit Gesichtsmasken häufig Negatives verbinden, Schutz vor Gefahren durch Katastrophen oder Krankheit oder auch eine verhüllte Bedrohung. Auch Angst vor dem Verlust der Individualität und Widerwillen gegenüber staatlicher Bevormundung werden mit dem Tragen der Maske in Verbindung gebracht.

Psychologen empfehlen uns in dieser Situation, uns unserer negativen Gefühle bewusst zu werden und sie einzuordnen. Die belastenden Emotionen beim Tragen der Maske können durch angenehme Düfte oder das Hören von Musik ausgeglichen werden. Auch Entspannungsübungen oder eine Betätigung der Gesichtsmuskulatur können helfen. Ich selbst werde wohl auch einige Zeit vor dem Spiegel verbringen, um besser zu verstehen, was in mir passiert und wie ich möglicherweise mit Maske auf andere Menschen wirke.

Auf einer anderen Ebene gibt uns das Tragen der Gesichtsmaske die Gelegenheit, uns zu fragen, wie wir unserem Nächsten begegnen. Wir können derzeit weder in derselben Weise auf ihn zugehen wie bisher, noch können wir ihm in gewohnter Weise ein Lächeln schenken. Aber wir sollten nicht zulassen, dass die Maske eine Barriere in unserem Inneren aufbaut. Dass wir sie dazu nützen, unbeteiligt zu bleiben und wegzuschauen. Die Gesichtsmaske könnte Anlass sein, zunächst mit uns selbst ins Reine zu kommen, denn sie wirft uns im ersten Moment auf uns selbst zurück. Wenn wir das geschafft haben, dann liegt die nächste Herausforderung darin, anderen unsere Freude und Hoffnung mitzuteilen, indem wir hinter der Maske stärker strahlen als sonst und dieses Strahlen mit den Mitteln unserem Nächsten vermitteln, die uns verbleiben, wie unsere Augen, unsere Gesten und unsere Haltung.

Für Menschen aus unserem Kulturkreis wird das zunächst eine große Umstellung bedeuten. Wenn sie uns gelingt, dann führt sie uns aber vielleicht zum Besseren und hilft uns, das Wesentliche in uns und anderen zu erkennen und einander menschlich näherzukommen – auch dann, wenn die Masken eines Tages wieder fallen.

Bernhard Schima