Gedanken zum Tage 2. Juni

Mit dem Tag nach Pfingsten beginnt in der Kirche wieder die Normalität. Nach Advent, Weihnachten, Fasten- und Osterzeit zählt der kirchliche Kalender nicht mehr nach Festkreisen und –tagen, sondern nummeriert nur noch die Sonntage bis zum 34. Sonntag, bevor mit dem 1. Advent alles wieder von vorne beginnt.

Zurück zur Normalität. Auf diesem Wege  sind wir gegenwärtig auch mit der Gesellschaft unterwegs- zumindest versuchen wir es alle miteinander. Allerdings wird diese Normalität ein etwas anderes Gesicht haben als die, die wir gewohnt waren. Manchmal wird sie gar kein Gesicht haben, weil die Normalität sich hinter Masken verbergen muss. Manchmal werden neue Wege der Arbeit zur neuen Normalität, neue Wege des Lernens und des Konferierens.

Auch in der Kirche werden wir uns an Neues gewöhnen müssen. Noch ist das Datum der Wiedereröffnung nicht festgelegt, aber es ist abzusehen, dass wir in St. Paulus nur mit einer geringen Zahl von Menschen  Gottesdienst feiern werden können, ohne gemeinsamen Gesang, ohne Begegnung davor und danach, mit Kommunion auf Abstand und hinter Masken, um uns gegenseitig zu schützen. Neue Normalität.

Was ist also normal?

Das wird immer wieder einmal neu definiert. Was heute normal ist, kann gestern noch Skandal gewesen sein oder ist morgen altmodisch. „Normal“ ist das, was eine Mehrheit einer Gesellschaft als Norm, als Standard anerkennt.

Trugen Männer im Barock und im Rokoko noch schwere Perücken, schminkten sich und trugen Schuhe, deren Eleganz sogar heutige Damenschuhe übertrafen, so würden diese Herren heute  höchstens noch als „Drag queens“ in einschlägigen Bars akzeptiert.               Der für die Geschäftswelt heute übliche Hosenanzug der Geschäftsfrau und z.B. der Bundeskanzlerin wäre noch vor hundert Jahren als unschickliches Aneignen von männlichen Statussymbolen für feministische Träumereien gebrandmarkt worden.

Was ist also normal?

„Normal“ ist das, was einen Großteil einer Gemeinschaft zusammenhält. Kommt dies ins Kippen, schlägt das oft und manchmal sehr schnell in Streit, in Zwiespalt und Kämpfe um- und kann am Ende ganze Gesellschaften zerreißen , wie uns die Entwicklungen in den USA  gerade auf erschütternde Weise vor Augen halten.

Normalität hat den Ruf der Langeweile, des Gewohnten und des Alltäglichen. Bemerkenswert wie sehr wir uns gerade jetzt danach sehnen. Alles Exzentrische und Außergewöhnliche hat seinen Reiz verloren, wenn es zur neuen Norm geworden ist.

Gerade wenn unsicher ist, was noch an neuer Normalität in den nächsten Wochen und Monaten auf uns zukommen wird, erscheint mir die jetzt beginnende „normale“ Zeit des Kirchenjahres geradezu als willkommener Hafen der Sicherheit. Auch wenn wir unsere Frömmigkeit im Moment durch die Einschränkungen anders ausdrücken müssen, kann ich zuversichtlich darauf bauen, dass das Kirchenjahr davon unbeeinflusst bleibt und im Dezember wieder der Advent beginnen wird, danach Weihnachten gefeiert werden wird und wir uns dann in der Fastenzeit auf Ostern vorbereiten können, das wir auch im kommenden Jahr 50 Tage lang bis Pfingsten feiern werden. Dieser Zyklus erinnert mich an das Kommen und Gehen von Ereignissen, das Auf und Ab des Lebens und gleichzeitig an das sicherer Fundament, das alles zusammenhält als große Norm: der, den wir den Gott Jesu Christi nennen.

Wolfgang Severin