Gedanken zum Tag 4. Juni

Jahrelang hing über meinem Schreibtisch ein Foto, das mich, und sicher viele andere auch, tief beeindruckt hat: Auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking stellt sich ein junger Mann ohne Waffen in den Weg eines Panzers und lässt diesen damit zum Stillstand kommen.

Das Bild entstand heute genau vor 31 Jahren. Ein Bild, das mir damals, 1989, Hoffnung darauf machte, dass Konflikte anders gelöst werden können als mit Waffengewalt. Manchmal, so schien es, kann ein Einzelner sogar Panzer zum Stillstand bringen.

Leider endet die Geschichte nicht an dieser Stelle, denn wenig später schoss die chinesischer Armee die Demonstranten für mehr Demokratie brutal nieder- ein Ereignis, an das man sich bis heute als das Massaker vom Tiananmen-Platz erinnert.

Was aus dem Mann auf dem Foto wurde weiß man nicht.

Aber seine Wirkung entfaltet das Bild noch bis heute, unabhängig vom Schicksal dieses Chinesen.

Nicht immer sind die Dinge so alternativlos oder ausweglos, wie sie scheinen.  Dieser namenlose junge Mann war immer wieder vor den Panzer getreten als dieser versuchte, um ihn herumzufahren. Am Ende stieg er sogar auf das Fahrzeug, um mit der Besatzung zu sprechen. Jeder, den er vorher um Rat gefragt hätte, hätte ihm davon abgeraten, aber er tat es, weil er sich nicht mit dem vermeintlich Unausweichlichen abfinden wollte.

Neben dem  Mut, der aus diesem Fotomotiv spricht hat mir die Haltung imponiert, nichts als gegeben zu akzeptieren.  Fragen und Hinterfragen ist nicht nur erlaubt, sondern Bedingung für eine freiheitliche Existenz. Unter Christen finden sich viele berühmte Menschen, die z.B. unter den Nazis so viel innere Freiheit aufbringen konnten, dass sie ihre Würde bewahrten, auch wenn sie dafür in den Tod gehen mussten, Dietrich Bonhoeffer und Maximilian Kolbe sind stellvertretend für andere ein leuchtendes Beispiel.

Wir wissen nichts über den jungen Mann auf dem Tiananmen, kein Name, kein Woher, kein Wohin. Wir sehen aber, dass ein Mensch in jeder Lage, seine Würde und seine innere Freiheit bewahren kann, die ihm weder Panzer, Konzentrationslager oder das Kreuz der Römer nehmen können.

Ein Bild, das mich immer wieder an die edlen Seiten des Menschen glauben lässt- und mir Mut macht, eben diese guten Seiten auch in mir zu stärken, auf diese zu setzen und niemals dem Bösen und Gewalttätigen das Feld zu überlassen.

Matthäus 5, 3 Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. 4 Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. 5 Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben. 6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden. 7 Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. 8 Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen. 9 Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. 10 Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich. 11 Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. 12 Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.

Wolfgang Severin