Gedanken zum Tag 28. Mai

Die Versuchung Mariens

 

Die katholische Tradition gedenkt im Monat Mai besonders Mariens: „Maria Maienkönigin“. Viele Klischees musste diese Frau in den letzten 2000 Jahren bedienen: „Gottesgebärerin“, „reine Jungfrau“, „Magd“, „Muttergöttinersatz der christlichen Kirchen“, „Frau und Mutter im Hintergrund“, „Erstzeugin der Auferstehung“ – um nur einige zu nennen. Mit ein bisschen Geschick kann man(n) dasjenige aus dieser Person herausholen und in sie hineininterpretieren, was gerade in die momentane Agenda passt; Hingabe und Dienstbarkeit werden in hierarchischen Organisationen zu allen Zeiten gerne thematisiert.

Was immer über den Menschen Maria gesagt werden kann, mag vielfältig und interpretationsabhängig sein, eines jedoch kann als sicher gelten: sie hatte den Mut, der Verheißung Gottes zu trauen, und sich trotz aller absehbaren, durchaus großen Schwierigkeiten dazu entschieden, ihr Leben in der Beziehung zu Gott zu verankern. Wie sich dieses Vertrauen manifestieren kann, entwickelt die folgende Erzählung von Agatha Christie, die zwar in der Rahmenhandlung eine Weihnachtsgeschichte (selbverständlich frei erfunden) ist und somit nicht gänzlich in den schon sommerlichen Mai 2020 passen mag, von der Thematik aber das ganze Jahr über Gültigkeit beanspruchen kann.

 

Maria betrachtete das Kind, das vor ihr in der Krippe lag. Sie war allein im Stall bis auf die Tiere. Ihr Herz war erfüllt von stolzem Glück, als sie auf ihr Kind hinablächelte.

Da vernahm sie plötzlich Flügelrauschen, und als sie sich umwandte, erblickte sie unter der Tür einen großen Engel. Ein Strahlen wie der Glanz der Morgensonne umgab ihn, und die Schönheit seines Antlitzes war so groß, daß Marias Augen geblendet wurden und sie den Kopf abwenden mußte. Und der Engel sprach zu ihr, und seine Stimme glich einer goldenen Posaune: „Fürchte dich nicht, Maria…“ Maria aber antwortete mit ihrer lieben, sanften Stimme: „Ich fürchte mich nicht, o Abgesandter Gottes, aber das Licht deiner Erscheinung blendet mich.“ Der Engel sprach: „Ich bin gekommen, um mit dir zu sprechen.“
Maria sagte: „So sprich. Laß mich hören, was Gott der Herr mir gebietet.“
Der Engel sprach: „Ich bin nicht mit Geboten gekommen. Aber da Gott dich besonders liebt, läßt er dich mit meiner Hilfe in die Zukunft sehen…“
Maria blickte auf ihr Kind und fragte eifrig: „In seine Zukunft?“ Ihr Gesicht erhellte sich in freudiger Erwartung.
„Ja“, antwortete der Engel ruhig, „in seine Zukunft. Gib mir deine Hand.“

Maria streckte ihre Hand aus und ergriff die des Engels.
Es war, als ob eine Flamme sie berühre; eine Flamme jedoch, die sie nicht versengte. Sie schrak ein wenig zurück, und der Engel sprach erneut: „Fürchte dich nicht, Maria, Ich bin unsterblich, und du bist sterblich, aber meine Berührung wird dir nicht weh tun.“ Dann breitete der Engel seinen mächtigen goldenen Flügel über das schlafende Kind und sprach: „Sieh in die Zukunft, Mutter, und sieh deinen Sohn…“

Maria blickte geradeaus, und die Wände des Stalles schwanden und lösten sich auf, und sie schaute in einen Garten. Es war Nacht, und die Sterne leuchteten am Himmel, und ein Mann kniete dort und betete. Etwas regte sich in Marias Herz und sagte ihr, daß dies ihr Sohn war, der dort kniete. Dankbar sagte sie zu sich selbst: „Er ist ein guter Mensch geworden, ein frommer Mensch; er betet zu Gott.“ Doch dann hielt sie plötzlich den Atem an, denn der Mann hob sein Gesicht, und sie sah den Schmerz darin, die Verzweiflung und die Trauer… Und sie wußte, daß sie größere Qualen schaute, als sie jemals gekannt oder geschaut hatte. Denn der Mann war vollkommen allein. Er betete zu Gott, betete, daß dieser Kelch der Qualen von ihm genommen werde, doch sein Gebet blieb ohne Antwort. Gott war fern und schwieg. Und Maria schrie auf: „Warum antwortet Gott ihm nicht und tröstet ihn?“ Und sie hörte die Stimme des Engels sagen: „Es ist nicht in Gottes Ratschluß, daß er getröstet werde.“ Da beugte Maria demütig ihr Haupt und sprach: „Es ist nicht an uns, die unerforschlichen Ratschlüsse Gottes zu kennen. Aber hat dieser Mensch, mein Sohn, keine mitfühlenden, menschlichen Freunde?“

Der Engel rauschte mit seinem Flügel, und das Bild wechselte zu einem anderen Teil des Gartens, und Maria sah darin schlafende Männer liegen. Voller Bitterkeit sagte sie: „Er braucht sie – mein Sohn braucht sie, und sie kümmern sich nicht!“ Der Engel sprach: „Sie sind nur fehlbare menschliche Geschöpfe.“ Maria murmelte zu sich selbst: „Aber er ist ein guter Mensch, mein Sohn. Ein guter und aufrechter Mensch.“
Und wieder rauschte der Engelsflügel, und Maria sah einen Weg, der sich einen Hügel hinaufwand, und darauf drei Männer, die Kreuze schleppten, und eine Menge, die ihnen folgte, und römische Soldaten. Der Engel sprach: „Was siehst du jetzt?“ Maria sagte: „Ich sehe drei Verbrecher auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung.“ Der Mann zur Linken wandte den Kopf, und Maria sah ein grausames, verschlagenes Gesicht, einen niederen, bestialischen Kerl, und sie fuhr zurück. „Ja“, sagte sie, „es sind Verbrecher.“ Da aber stolperte der Mann in der Mitte und stürzte beinahe, und als er sein Gesicht hob, erkannte Maria ihn und schrie heftig auf: „Nein, nein, es kann nicht sein, daß mein Sohn ein Verbrecher ist.“

Aber der Engel rauschte mit seinem Flügel, und sie sah drei aufgerichtete Kreuze, und die Gestalt, die in Qualen an dem mittleren hing, war der Mann, den sie als ihren Sohn erkannte. Seine gesprungenen Lippen öffneten sich, und sie vernahm die Worte, die sie hervorbrachten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Und Maria rief aus: „Nein, nein, das ist nicht wahr! Er kann nichts wirklich Böses getan haben. Es muß ein furchtbarer Irrtum sein. So etwas gibt es zuweilen. Man muß ihn verwechselt haben, man hat ihn für jemand anderen gehalten. Er büßt das Verbrechen eines anderen.“
Abermals rauschte der Engel mit seinem Flügel, und diesmal erblickte Maria die Gestalt des Mannes, den sie auf Erden am meisten verehrte: den Hohepriester des Tempels. Er sah edel aus, und er erhob sich, und mit würdevoller Gebärde zerriß er das Gewand, das er trug, und rief mit lauter Stimme: „Dieser Mann hat Gott gelästert.“ Und Maria blickte über ihn hinweg und sah die Gestalt des Mannes, der Gott gelästert hatte – und es war ihr Sohn.

Dann verblaßten die Bilder, und da war nur die Lehmwand des Stalles, und Maria bebte und schluchzte gebrochen: „Ich kann es nicht glauben – ich kann es nicht glauben. Wir sind eine gottesfürchtige, rechtschaffene Familie, meine ganze Familie, und Josephs Familie auch. Und wir werden ihn sorgsam dazu erziehen, seiner Religion zu leben und den Glauben seiner Väter zu achten und zu ehren. Kein Sohn von uns könnte der Gotteslästerung schuldig sein… ich kann es nicht glauben! Was du mir gezeigt hast, kann nicht die Wahrheit sein.“ Doch der Engel sprach: „Sieh mich an, Maria.“ Und Maria sah ihn an und sah die Strahlen, die ihn umgaben, und die Schönheit seines Antlitzes. Und der Engel sprach: „Was ich dir gezeigt habe, ist die Wahrheit. Denn ich bin der Morgenengel, und das Licht des Morgens ist die Wahrheit. Glaubst du mir jetzt?“ Und wider all ihren Willen erkannte Maria, daß wirklich Wahrheit war, was der Engel ihr gezeigt hatte. Sie konnte nicht mehr daran zweifeln.

Tränen strömten über ihre Wangen. Sie beugte sich über das Kind in der Krippe, die Arme ausgebreitet, wie um es zu beschützen. „Mein Kind“, schluchzte sie. „Mein kleines, hilfloses Kind, was kann ich tun, um dich zu retten? Dir das zu ersparen, was da kommen wird? Nicht nur den Kummer und den Schmerz, sondern auch das Böse, das in deinem Herzen wachsen wird? Oh, es wäre besser, du wärest nie geboren worden oder bei deinem ersten Atemzug gestorben. Dann wärest du rein und unbefleckt zu Gott zurückgekehrt.“
Und der Engel sprach: „Deshalb bin ich zu dir gekommen, Maria.“
Maria sagte: „Was meinst du damit?“
Der Engel antwortete: „Du hast in die Zukunft gesehen. Es steht in deiner Macht zu sagen, ob dein Kind leben oder sterben soll.“
Maria beugte ihr Haupt, und unter unterdrücktem Schluchzen flüsterte sie: „Der Herr hat ihn mir gegeben… Wenn der Herr ihn mir wieder nehmen wird, so sehe ich ein, daß es barmherzig ist, und auch wenn es mein Herz zerreißt, unterwerfe ich mich Gottes Willen.“ Aber der Engel sprach sanft: „So ist es nicht. Gott gebietet es dir nicht. Die Wahl ist die deine. Du hast in die Zukunft geschaut. Wähle nun, ob das Kind leben oder sterben soll.“

Da schwieg Maria eine Weile. Sie war eine Frau, die langsam dachte. Einmal blickte sie hin zu dem Engel um Rat, aber der Engel gab ihr keinen. Er war golden und schön und unendlich fern. Sie dachte an die Bilder, die er ihr gezeigt hatte, an die Qual in dem Garten, den schmachvollen Tod eines Mannes, der in der Stunde seines Todes von Gott verlassen war, und sie hörte erneut das schreckliche Wort Gotteslästerung… Und jetzt, in diesem Augenblick, war das schlafende Kind rein und unschuldig und glücklich…

Aber sie entschied sich nicht gleich, sie dachte weiter nach, rief sich immer und immer wieder die Bilder zurück, die ihr gezeigt worden waren. Und dabei geschah etwas Seltsames. Plötzlich erinnerte sie sich an Kleinigkeiten, die sie vorher nicht beachtet hatte. So sah sie zum Beispiel das Gesicht des Mannes an dem Kreuz zur Rechten: kein böses Gesicht, nur ein schwaches, und es war dem Kreuz in der Mitte zugewandt, und ein Ausdruck von Liebe und Vertrauen und Bewunderung lag darin.
Mit plötzlichem Erstaunen wurde Maria bewußt: „Es war mein Sohn, den er so anschaute…“ Und ebenso plötzlich, klar und deutlich sah sie das Gesicht ihres Sohnes, wie es auf seine schlafenden Gefährten in dem Garten herabblickte. Trauer lag darin, Mitleid und Verstehen und große Liebe… Und sie dachte: „Es ist das Gesicht eines guten Menschen.“ Und sie sah auch noch einmal den Gerichtshof. Aber dieses Mal schaute sie nicht auf den prächtigen Hohepriester, sondern auf das Gesicht des angeklagten Mannes: In seinen Augen war kein Bewußtsein von Schuld. Und Marias Gesicht wurde sehr verwirrt.

Da sprach der Engel: „Hast du deine Wahl getroffen, Maria? Willst du deinem Sohn Leid und Sünde ersparen?“ Und Maria sagte langsam. „Es ist nicht an mir, einem unwissenden und einfachen Weib, den hohen Ratschluß Gottes zu verstehen. Der Herr gab mir mein Kind. Wenn der Herr es mir nimmt, dann ist es sein Wille. Aber da Gott ihm das Leben gegeben hat, ist es nicht an mir, ihm dieses Leben zu nehmen. Denn es mag sein, daß es im Leben meines Kindes Geschehnisse gibt, die ich nicht richtig verstehe. Es mag sein, daß ich nur einen Teil eines Bildes gesehen habe und nicht das ganze. Das Leben meines Kindes gehört ihm, nicht mir, und ich habe kein Recht, darüber zu bestimmen.“ „Denke noch einmal nach“, drängte der Engel. „Willst du mir nicht dein Kind in die Arme legen, und ich bringe es zurück zu Gott?“
„Nimm es in deine Arme, wenn dies Gottes Gebot ist“, sagte Maria. „Ich aber werde es dir nicht hineinlegen.“ Da erhob sich ein mächtiges Flügelrauschen, und ein Blitzstrahl flammte auf, und der Engel verschwand.

Ein wenig später kam Joseph, und Maria berichtete ihm, was geschehen war. Joseph billigte, was Maria getan hatte. „Du hast recht getan, Weib“, sagte er. „Und wer weiß, vielleicht hat dieser Engel gelogen.“ „Nein“, sagte Maria. „Er hat nicht gelogen.“ Mit ihrem ganzen Fühlen war sie dessen sicher. „Ich glaube von alldem kein Wort“, sagte Joseph fest. „Wir werden unseren Sohn sehr sorgsam erziehen und im Glauben unterweisen, denn es ist die Erziehung, die zählt. Er wird in meiner Werkstatt arbeiten, am Sabbat mit uns in die Synagoge gehen und alle Festtage und Gebote einhalten.“
Maria schaute in die Krippe und sagte: „Sieh nur, unser Sohn lächelt.“
Und wirklich, das Knäblein lächelte und streckte seine winzigen Hände der Mutter entgegen, als wollte es sagen: „Gut gemacht.“

Hoch droben jedoch, im blauen Himmelsgewölbe, bebte der Engel vor Hochmut und Zorn. „Daß ich bei einem törichten, unwissenden Weib versagt habe! Aber es wird eine andere Gelegenheit geben. Eines Tages, wenn Er erschöpft und hungrig und schwach sein wird, werde ich ihn auf den Gipfel eines Berges führen und ihm die Königreiche dieser meiner Welt zeigen. Ich werde ihm die Herrschaft über sie alle anbieten. Er soll Städte und Könige und Völker beherrschen. Er soll die Macht haben, Krieg, Hunger und Unterdrückung ein Ende zu bereiten. Ein einziges Zeichen, dass er gewillt ist, mich anzubeten, und es soll ihm gegeben sein, Frieden und Überfluß, Zufriedenheit und guten Willen zu schaffen, sich selbst als höchste Kraft des Guten zu erkennen. Dieser Versuchung wird er niemals widerstehen können!“ Und Luzifer, der Sohn des Morgens, lachte in seiner Unwissenheit und seinem Hochmut laut auf und fuhr durch den Himmel wie ein brennender Feuerstrahl, hinab in die untersten Tiefen…

Im Osten aber traten drei Himmelskundige vor ihre Herren und sprachen: „Wir haben ein mächtiges Licht am Himmel gesehen. Ein großer Herrscher muß geboren worden sein.“ Doch während alle von Zeichen und Wundern flüsterten und redeten, murmelte ein sehr alter Sterndeuter: „Ein Zeichen Gottes? Gott hat keine Zeichen und Wunder nötig. Es scheint mir eher ein Zeichen Satans. Ich meine, wenn Gott zu uns kommen wollte, dann würde er ganz still kommen.“

Im Stall aber herrschte Freude und Jubel. Der Esel schrie, der Ochse brüllte, Pferde wieherten, und Männer und Frauen drängten herbei, um das Kind zu sehen, und reichten es von einem zum anderen, und es lachte und jauchzte und lächelte sie alle an. „Seht“, riefen sie. „Es liebt uns alle. Noch nie hat es solch ein Kind gegeben…“

Astrid Fischer