Gedanken zum Tag 27. Mai

Vor ein paar Tagen hatte ich mich mit meinem Vater unterhalten, unter anderem über meine Erfahrungen mit den Hausgottesdiensten und anderen Online-Angeboten unserer Gemeinde. Im Laufe unseres Gesprächs meinte mein Vater, dass er die Hauskirche als ein Modell für die Zukunft sehe. Gerade in der Hauskirche, der Familie, werde das Christentum gelebt werden können.

Kann das sein? Ist Hauskirche wirklich das Zukunftsmodell für unsere Kirche? Wird das Christentum tatsächlich vor allem in der Familie gelebt werden?

In den zurückliegenden Wochen ist vieles Alltag geworden, was wir uns nie hätten träumen lassen. Hauskirche kann klappen. Der Griff zum Laptop am Sonntag, um Gottesdienst zu feiern, ist schon fast zur Routine geworden. Aber trotzdem, ein Ersatz für das Leben als Christ in der Gemeinschaft der Kirche kann das doch nicht sein.

Erst einmal braucht Hauskirche einen fruchtbaren Boden. Ohne die (abgebrochene) Vorbereitung auf die Erstkommunion unserer Tochter wäre es für uns zum Beispiel bedeutend schwieriger, das hin und wieder stattfindende Brotbrechen am Sonntag durchzuziehen. Hauskirche klappt in diesem Fall leidlich, weil schon ein gewisses Fundament vorhanden ist.

Und Hauskirche funktioniert ja auch nur aus dem Grund, dass eine ganze Armee von Freiwilligen sich dafür einsetzt, den Gemeindemitgliedern einen Hauch von Normalität zu bieten. Ohne online-Hausgottesdienste und Gedanken zum Tag würde der Alltag das Christsein sicher irgendwann überwuchern. Gerade auch die Kinder brauchen den Austausch mit Gleichaltrigen und das Hinleben auf ein Ereignis, wie zum Beispiel die Erstkommunion, um Freude und Interesse am Thema Glaube zu haben.

Ich bin dankbar für die virtuelle Unterstützung durch meine Gemeinde. Wenn ich an die Zukunft der Kirche post-Covid denke, dann ist Hauskirche, so wie sie in unserer Gemeinde stattfindet, für mich aber weniger das Zukunftsmodell einer neuen Realität, sondern eher ein Zeichen, dass wir noch lange nicht darauf angewiesen sein werden.

Meine Hoffnung für die Zukunft, auch die Zukunft der Kirche, speist sich weniger daraus, dass Hauskirche „ja ganz gut geklappt hat“, sondern viel mehr aus der Erfahrung, dass sich in so vielen Gemeinden in Belgien, Deutschland und darüber hinaus, Priester, Pastoralreferenten und vor allem Freiwillige dafür eingesetzt haben, dass wir uns weiterhin als Mitglieder einer lebendigen Kirche fühlen konnten. So wie viele unter uns auch nach dem Ende der Pandemie vermehrt „Home Office“ machen werden, so werden sich vielleicht auch in der Kirche Modelle festsetzen, die eigentlich nur aus der Not geboren wurden. Aber wenn eine vielleicht immer kleiner werdende Kirche den Geist und den Einsatz der vergangenen Monate mit in das normale Leben nehmen kann, ist meine Hoffnung, dass Hauskirche auf längere Sicht eine Notfalloption bleiben wird.

Johannes Kleis