Gedanken zum Tag 22. Juni

 

Die erste Messe nach vielen Wochen. Ich sitze am 13. Juni abends in Saint Lambert und empfinde den Gottesdienst als ‚merk-würdig‘: statt eines Sich-Nahekommens bei der Begrüßung wird Fieber gemessen, mit Maske auf beiden Seiten. Statt des Gefühls der Gemeinschaft, die wir sonst in Sankt Paulus in so besonderer Weise erleben, nehme ich vornehmlich den Abstand wahr zu den Menschen, die mir ansonsten so vertraut erscheinen. Statt des Singens gibt es in der Hauptsache ein Hören, von Worten, von Orgelmusik und von einer schönen Solo-Stimme. Und das ‚Brot des Lebens‘ wird mir schweigend aus größtmöglicher Entfernung gereicht. Hätte ich mir jemals vorgestellt, die Messe unter solchen Umständen zu feiern? Wohl eher nicht – und das Wort ‚feiern‘ kommt mir in diesem Zusammenhang eher schwer über die Lippen…

Meine Gedanken schweifen ab. Der 13. Juni war der Hochzeitstag meiner Eltern. Eine Ehe geschlossen in Zeiten, in denen das Feiern ebenfalls eine Herausforderung war. Sie heirateten 1943, mitten im Krieg. Und laut ihren Erzählungen musste die Hochzeitsmesse mittendrin wegen eines drohenden Bombenangriffs unterbrochen werden. Die gesamte Festgemeinde suchte einen Schutzraum auf und erst nachdem die Sirenen Entwarnung gegeben hatten, konnte der Gottesdienst zu Ende gefeiert werden. Zum Glück – oder besser: Gott sei Dank – ging alles gut, damals, am 13. Juni 1943, und während der darauffolgenden 59 Jahre, bis sie voneinander Abschied nehmen mussten. Es war ein Start in das gemeinsame Leben mit Hindernissen, die viel größer und (lebens)bedrohlicher waren als das, was wir derzeit erleben. Aber trotz der Umstände wollte man auf das Feiern nicht verzichten.

Bei der Suche nach dem Begriff ‚Feiern‘ im Internet stoße ich auf einen lesenswerten Artikel aus dem Jahre 2008 mit dem Titel:  Die Philosophie des Festes – Von der Notwendigkeit zu feiern (Autor: Josef Isensee). Dort heißt es u.a.:

Wie fern die Kategorie der Arbeit der Idee des Feierns liegt, zeigt die Feier der Eucharistie. Der Priester fungiert nicht als Messwerker und nicht als Liturgiearbeiter, sondern als Zelebrant. Er feiert die Messe.

Je drückender und armseliger der Alltag, desto schöner die Freiheitserfahrung im Fest. Es bedarf nicht des materiellen Reichtums, um freudig und glanzvoll zu feiern. Wohl aber bedarf es der Muße.

 

Ein Einzelner kann nicht allein und für sich feiern. Das Fest ist ein Akt der Gemeinschaft. In ihm erfährt sich eine Menschengruppe als geistige Einheit. Sie kann sich spontan bilden im Wir-Erlebnis eines großen Ereignisses, so 2006 im Jubel der Weltmeisterschaft auf deutschem Boden. Es kann auch aus einer vorgegebenen Gemeinschaft hervorgehen, aus Familie oder Freundeskreis, Gemeinde oder Ver- ein, geistlichem oder weltlichem Verband. Hier besinnt sich die Gemeinschaft auf ihre Grundlagen und den Sinn ihres Bestehens. Sie beschwört den guten Geist, der sie zusammengeführt hat und zu- sammenhält. Das Fest vollzieht Integration.

Feiern heißt, Gott und die Welt in ihrem Gut-Sein rühmen.

 

Ich werde versuche, die derzeitige Form des Gottesdienstfeierns aus diesem Blickwinkel heraus zu betrachten, auch wenn es mir nicht leichtfällt. Und halte mich gleichzeitig an die Zuversicht von Friedrich von Schiller: „Es kommt der Tag, der alles lösen wird.“ Dann können wir hoffentlich auch wieder gemeinsam singen: „Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.“

 

Felicitas Green