Gedanken zum Tag, 12. Juni

Nach Pfingsten und Fronleichnam kehrt wieder die Normalität ins kirchliche Jahr zurück. Mit kleinen Unterbrechungen von Festen und Gedenktagen bleiben wir bis zur Adventszeit im «grünen Bereich» des Jahreskreises.

In Zeiten von Covid-19 bleibt trotzdem die Frage: Was ist Normalität? Alles so, wie es vorher war? Und: ist die «neue Normalität» den wirklich «normal» – die Art, wie wir zukünftig Gottesdienst feiern, Feste begehen, Sakramente spenden, das Pfarrleben wieder aufnehmen werden? Wie wird uns diese Erfahrung verändern und wie werden wir trotz allem als Gemeinde gut leben können?

Die österreichischen Bischöfe haben angesichts dieser Fragen den Katholiken in Österreich zu Pfingsten einen Brief geschrieben. An Hand der Sieben Gaben des Heiligen Geistes – diesmal in jeweils sieben Wort-Paaren – versuchen sie die derzeitige Situation zu verstehen, zu erklären und Wege in und aus dieser Krise zu skizzieren. Ich zitiere hier einige kurze Gedanken vom Ende des Briefes. Gleichzeitig füge ich den Link zur Website hinzu, von der man sich diesen deutlichen und ermutigenden Brief herunterladen kann.

https://www.bischofskonferenz.at/dl/NkKNJmoJKknMJqx4KJKJKJKLoKNO/Hirtenwort_Bischoefe_Pfingsten2020.pdf

7. Der Geist des Vertrauens und der Zuversicht

(…) Die Krise hat uns viel Souveränität genommen. Vermeintliche Sicherheiten wurden zertrümmert. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich.

Den meisten Menschen fällt es schwer, eine Zeit der Ungewissheit und der vielen offenen Fragen auszuhalten. Vor allem das Gefühl, nichts tun zu können, ist belastend. Einige flüchten in esoterische Praktiken oder werden anfällig für teils krude Verschwörungstheorien. Online-Kommunikationsplattformen machen diese zudem noch leicht verfügbar und bedienen damit die Geschäftsinteressen der dahinterstehenden Krisenprofiteure. Die Verunsicherung treibt aber auch absurde Blüten des übertriebenen Aktivismus, um sich abzulenken und das schleichende Gefühl von Ohnmacht zu verdrängen. Ängste und Perspektivenlosigkeit können beherrschen und lähmen, was zur Überwindung der Situation notwendig wäre: Besonnenheit, Klugheit und eine entschlossene Tatkraft.

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Dennoch bleibt als wohl entscheidende Frage: Wo sind die Quellen der Kreativität, der Innovation und der Hoffnung, die es jetzt braucht? Als Antwortversuch auf diese Fragen möchten wir den Schatz unseres christlichen Glaubens gerne mit allen teilen. Christlicher Glaube wischt keine Probleme weg, verleiht aber eine unerwartete Trotzdem-Kraft in aller Not und gibt den langen Atem sowie Ausdauer für den vor uns liegenden Weg. Glaube stärkt Freiheit und Herzenskraft. Wer glaubt, lebt von Gottes Zusage, immer neu beginnen zu dürfen und die dafür notwendigen Anschubhilfen des Heiligen Geistes zu erhalten.

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Die Corona-Krise hat uns auch als Kirche überrascht und überfordert. Wie alle anderen Institutionen, mussten wir im Krisenbewältigungsbetrieb schrittweise lernen, was zu tun ist. Manche hatten den Eindruck, dass wir vorrangig mit unseren eigenen Angelegenheiten beschäftigt gewesen wären. Wir bitten um Entschuldigung, wo dies der Fall war und dadurch die Sorge für die konkreten Anliegen der Menschen zu kurz gekommen ist.

(…)

Viele Priester, Männer und Frauen in der Seelsorge und zahlreiche Ehrenamtliche haben trotz der Beschränkungen sehr kreative Wege beschritten. Wer hätte sich vor Corona gedacht, dass Pfarren und kirchliche Einrichtungen so schnell und intensiv die digitalen Medien nutzen? Wir arbeiten weiterhin an einer lern- und erneuerungsbereiten Kirche, die ebenso gefordert ist, sich geistvoll auf eine „erneuerte Normalität“ einzustellen. Rufen wir uns nochmals das Pfingstereignis in Erinnerung: Der Heilige Geist wurde allen geschenkt – nicht nur den Gebildeten, Gesetzeskonformen und Frommen.

Der pfingstliche Geist ermutigt uns zu einer neuen Geschwisterlichkeit, die jenseits aller träumerischen Bilder eine reale Verbundenheit der Menschen bewirkt. Als Bischöfe bekennen wir uns zu einer lebensdienlichen Kirche, die mitten in der Welt steht, für die ganze Gesellschaft Wertvolles leistet und so von immer mehr Menschen auch als „systemrelevant“ erlebt wird.

Michael Kuhn